GEORGES SEURAT
Georges Seurat, 1859 in Paris geboren, zählt neben Paul Cézanne (1839–1906), Vincent van Gogh (1853–1890) und Paul Gauguin(1848–1903) zu den wichtigsten Wegbereitern der Kunst der Moderne. Bis zu seinem frühen Tod an Diphtherie im Alter von 31 Jahren schuf er ein bedeutendes Œuvre. Bereits während seiner Schulzeit begann er zu zeichnen und sich mit kunsttheoretischen Schriften auseinanderzusetzen. Im Alter von achtzehn Jahren trat Seurat, nachdem er bereits zwei Jahre Zeichenunterricht genommen hatte, 1878 in die Pariser École des Beaux Arts ein und wurde von Henri Lehmann, einem Schüler Jean-Auguste-Dominique Ingres’, unterrichtet. Hier setzte er zunächst eine klassisch geprägte Ausbildung fort, bei der er vor allem Raffael, Michelangelo, Tizian, Holbein, Poussin und Ingres studierte. Nach nur einem Jahr jedoch verließ Seurat – wohl auch unter dem Eindruck der vierten Impressionisten-Ausstellung von 1879 – die Pariser Akademie und wandte sich zunehmend von ihren Traditionen ab.
SEURAT UND DIE FARBE
Ohne akademische Zwänge vertiefte Seurat in den folgenden Jahren seine Kenntnisse der Farbtheorie und der Wirkung der Farben auf das menschliche Auge. Er studierte die Arbeiten des Kunsttheoretikers Charles Blanc, des Literaten und Farbtheoretikers Charles Henry sowie des amerikanischen Physikers Ogden N. Rood. Maßgeblich beeinflusste ihn außerdem die Theorie der Pigmente des französischen Chemikers Michel Eugène-Chevreul zur Farbwahrnehmung und zur additiven Farbmischung. Chevreul erforschte vor allem die Gesetze der Simultankontraste und die Veränderlichkeit von Farben bei zunehmender Entfernung. Inspiriert von den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen entwickelte Seurat um 1883 jene Malweise, die auf dem Simultankontrast benachbarter Farben beruht und unter dem Namen Pointillismus in die Kunstgeschichte einging. Dabei werden die Farben nicht länger auf der Palette gemischt, sondern als reine Farben mit dem Pinsel in kleinen akribisch gesetzten und dicht gedrängten Punkten auf die Leinwand getupft. Der Gesamtfarbeindruck einer Fläche oder eines Gemäldes setzt sich erst im Auge des Betrachters und aus einer gewissen Entfernung als optische Mischung zusammen.
„Un Dimanche à la Grande Jatte“ (Ein Sonntagnachmittag auf der Insel La Grande Jatte, 1884–1886), ein Schlüsselwerk des Neoimpressionismus und Seurats bedeutendste Komposition, in der er die pointillistische Technik zum ersten Mal konsequent umsetzte, ist in der Schirn in mehreren kleinformatigen Vorstudien zu sehen. Mit diesem im Rahmen der achten und letzten Impressionisten-Ausstellung von 1886 viel diskutierten Werk avancierte Seurat zum Anführer der neuen Avantgarde um Paul Signac, Camille Pissarro und Maximilian Luce. Seurat und die Neoimpressionisten überwanden mit ihrer neuen Technik und Bildauffassung die impressionistische Maxime, laut der die Wirklichkeit als spontaner und individueller Sinneseindruck auf die Leinwand gebracht wird. Das Bild wurde von den Neoimpressionisten nicht mehr als Niederschrift einer Momentaufnahme verstanden, sondern als wohldurchdachte Komposition mit einer eigenen Gesetzlichkeit. Die nervösen, kurzen, Bewegung suggerierenden und individuell geprägten Pinselstriche der Impressionisten wurden zu Punkten reduziert, die eine nahezu rasterartige Geschlossenheit und Gleichmäßigkeit zeigen. Mit dieser neuen Technik ging auch eine Systematisierung bzw. Tilgung der Handschrift einher.
SEURAT UND DIE FIGUR
Eine Konstante in Seurats Œuvre bildet der Umgang mit der Figur im Raum, der auch zentrales Thema der Ausstellung in der SCHIRN ist. Sowohl das malerische als auch das zeichnerische Werk Seurats künden von seinem großen Interesse am Experiment mit diesem Sujet. Bereits seine Akademiestudien und frühe Zeichnungen wie „Garçon des dos“ (Junge in Rückenansicht, 1882/83) dokumentieren seine intensive Beschäftigung mit der menschlichen Gestalt, die für ihn untrennbar mit dem sie umgebenden Raum verbunden ist. In zahlreichen Vorstudien zu seinen Gemälden setzt sich Seurat aus verschiedenen Perspektiven mit den Figuren auseinander, variiert sie und hält sie in unterschiedlichen Ausschnitten fest. Allmählich nähert er sich so der Komposition seiner Gemälde, in denen er die Figuren der Vorstudien zusammenführt.
Doch auch wenn sie mit anderen Personen in Gruppen dargestellt werden, erscheinen seine Figuren isoliert, regungslos, in sich gekehrt. In ihrer Linearität und Geometrisierung wirken sie beinahe wie abstrakte Körper. Diese Immobilisierung, das heißt, die Abkehr vom Ereignisbild und die Hinwendung zum Zustandsbild, zur immerwährenden Repräsentation, trägt bei Seurat archaische Züge und verweist zudem auf seine Auseinandersetzung mit den Meistern der linear geschlossenen Form wie Raffael, Poussin oder Ingres, die er in seiner Jugend studiert hatte. Die Sujets seiner Figurenbilder sind vielfältig: Seurat hielt das urbane Treiben in Paris und das Leben in den Vororten fest und malte oder zeichnete die arbeitende Bevölkerung. Kleinformatige Holztafeln zeigen Segler, Angler oder sonntägliche Ausflugsszenen. In seinen letzten großen Werken rückte er das Treiben von Artisten, Clowns und Musikern im Zirkus in den Mittelpunkt: „Le Cirque“ (Der Zirkus, 1890/91), eines seiner in der SCHIRN präsentierten Hauptwerke, zeigt die virtuose Darbietung einer voltigierenden Artistin in der Manege. Die Figur muss bei Seurat jedoch nicht immer menschlicher Natur sein; auch Bäume, Hügel oder Schiffsmasten übernehmen in seinen Landschaften, Stadtansichten und Seestücken gleichsam deren Funktion.
ZEICHNUNGEN VON SEURAT
Gleichberechtigt neben Seurats Malerei steht sein zeichnerisches Werk. Für seine Zeichnungen verwendete der Künstler fast ausschließlich den Crayon Conté, einen weichen tiefschwarzen Kohlestift. Striche überziehen das stark gekörnte Papier als dichtes Geflecht aus rhythmischen Schraffuren und Überkreuzungen und lassen das Motiv als etwas Schwebend-Unbestimmtes hervortreten beziehungsweise verschwinden. Die markanten Hell-Dunkel-Kontraste umspielen und akzentuieren die Figuren und verleihen ihnen eine unwirkliche Präsenz. Seurats Zeichnungen sind sowohl eigenständige Arbeiten als auch vorbereitende Studien. Vor allem die späteren Blätter dienten dem Künstler – wie die Vielzahl seiner Ölskizzen, die im Gegensatz zu den ausgeführten Werken oft einen flüchtigen impressionistischen Pinselstrich aufweisen – zur Findung und Perfektionierung seiner Bildkompositionen.
SEURATS WIRKUNG
Für die Entwicklung der Moderne erwies sich Seurats Pointillismus als äußerst folgenreich. Künstler wie die italienischen Futuristen haben mit Begeisterung an Seurat angeknüpft und dessen wissenschaftlich getriebene Dynamik ins 20. Jahrhundert überführt. Vertreter des Bauhauses schwärmten von seinen ungewöhnlichen Bildkompositionen und den Geometrisierungen der Figuren wie der Landschaft. Künstlerinnen wie Agnes Martin fanden in Seurats grafischem Werk Grundlagen für ihre Zeichenkunst.