Tourismus ist längst zu einem grundlegenden Phänomen unserer mobilen Weltgesellschaft geworden. Die Spuren, die von Reisenden überall auf der Welt hinterlassen werden, sind sowohl Zeugnis einer stetig wachsenden Tourismusbranche als auch der Anfang einer globalen Bewegung, die den zeitgenössischen Menschen und die von ihm durchquerten Räume umfassend verändert. In der Ausstellung „All-Inclusive. Die Welt des Tourismus” werden Phänomene des Tourismus in zahlreichen künstlerischen Arbeiten dargestellt und kritisch hinterfragt. Dokumentationen, Parodien und künstlerische Verfremdungen klassischer touristischer Motive und Traumvorstellungen verknüpfen sich mit Themen wie Migration, Tourismuswirtschaft und globaler Kommunikation.

Aus den über 300 Einsendungen von Reisegeschichten, die aus einem öffentlichen Literatur-Wettbewerb zum Thema Tourismus hervorgegangen sind, präsentieren wir Ihnen 15 von einer Jury ausgewählte Favoriten.

15 REISEGESCHICHTEN DES LITERATURWETTBEWERBS
ZUR AUSSTELLUNG
ALL-INCLUSIVE
DIE WELT DES TOURISMUS
30. JANUAR - 4. MAI 2008
Dorothée Aymar-Pfister: Et in Beijing ego
Dorothee Baer-Bogenschütz: Lust auf Laster
Klaus-Dieter Gleitze: Frankfurter Schule
Phyllis Kiehl: Lamu Tamu
Rea Köppel: Dorf von hinten
Chris Lind: An den blauen Stränden von Upsilon Andromedae
Martin Loosli: „sonderfall normalität”
Carlo Michel: Der Bruder
Rolf M. Moenikes: Die Treppe, die ein Traum sein muss
Siavash Sartipi: Das Trinkgeld
Anne C. Schneider: „Ambos Mundos”
Daniela Schulz: Reise ins asiatische Tuwa
Magdalena Staude: Essen und Trinken in Indien
Johannes Rhomberg: Pilár, Paranoia, Peinlichkeiten
Ellen E.M. Richter: Der Schatten

Dorothée Aymar-Pfister
Et in Beijing ego

Dieser braune Würfel auf dem Teller – Tofu oder Fleisch?
Dieser gesichtslose Airport, 14 Monate alt, ohne Lokalkolorit, keine pittoresken Eingeborenen, dafür Hermes – Shop, nicht einmal Schmutz oder Stimmengewirr – sind wir überhaupt in Peking gelandet?
Das große bunte Schmucktor im kaiserlichen Stil – Beton! –, das die Autobahnzahlstelle kaschiert – sind wir vielleicht doch eher in Disneyland?
Gottlob, alte Männer im Maolook gibt es auch, auch Kinderkörper in grüner Uniform und rotgerandeter Mütze goldverbrämt, untadelige Haltung, maskenhaft blassgelb, Stechschritt, keine Ablichtung gewährend; geräuschvolles Abhusten allenthalben; heimelige Volksmusik aus Riesenlautsprechern, die den Riesenplatz des wahrscheinlich weniger riesigen himmlischen Friedens säumen, in inniger Designkombination mit nun wirklich riesigen Outdoorkandelabern in Scheingold und mit DDR-Charme, das versöhnt: Wir sind in Peking.

Wir sind fremd hier, sehenswert, reizen zum Lachen: welcher Chinese trägt schon Glatze! Langnasen sind wir, und Kinder zeigen mit Fingern auf uns und kichern. Wenn wir sprechen, kichern auch die Erwachsenen. Kaum einer spricht englisch, nicht einmal im 5Sterne-Protz-und-Prunk-Hotel. Zählen geht einfacher, mit 10 Fingern kommt man ganz schön weit, zumal man vom angegebenen Preis ja immer nur die Hälfte bezahlen soll (Touristentipp!)

Verbotene Stadt, Lamatempel, Kloster der Weißen Wolken, Sommerresidenz, Himmelsaltar – die Bilder bleiben merkwürdig plakativ, im Postkartenformat, trotz Ein-Blicken keine Einsicht; „Bodhisattva 25 Meter hoch, 8 Meter tief in die Erde eingegraben, aus 1 Sandelholzstamm geschnitzt, der Tempel wurde drum herum errichtet” – wo bleiben meine Emotionen?

Wie die von deutschen Chinarestaurants bekannten, auch hier verbreiteten roten Lampions hängen meine Gefühle in den kahlen Ästen der Tempelbäume, sie finden nicht heraus aus dem Glitzerbonbonpapier – was ist hier echt?

Dreimal sich verbeugende Gläubige, Gläubige? (unser chinesischer Führer hat da seine Zweifel) legen bündelweise Räucherstäbchen auf den Altären ab, – bei der Gottheit, die für den Reichtum zuständig ist, liegen die meisten, das habe mit dem Neujahrsfest zu tun, erläutert unser chinesischer Führer – oder etwa doch eher mit den überall deutlich sichtbaren Neokapitalismuswucherungen?

Vielleicht ist es ja gut, jetzt in Peking zu sein, ist die Stadt doch in einem Wandlungsrausch begriffen: Ganze Stadtteile mit alter ein- bis zweigeschossiger Bebauung im Hofhausstil mit anmutig geschwungenen grauen Steindächern werden abgerissen, in kostengünstiger Handarbeit zur Vermeidung von Arbeitslosen; Esel helfen mit, den Schutt abzuführen. Umwuchert sind diese Gebiete bereits von alten Plattenbauten in katastrophalem Zustand und mit kälteschutzummantelten Klimaanlagen vorsintflutartiger Bauart sowie von neu erwachsenen Hochhäusern im Stile Nirgendwo. Bisweilen erinnert ein pagodenartiger Aufsatz auf diesen Wohnsilos daran, dass man in China ist; das Gebäude selbst gewinnt dadurch allerdings nicht an Authentizität.

Wir haben das Glück, gleich hinter unserem Prunk-und-Protzhotel („Welcome to Karstadt-Reisen”) noch auf eine alte Hutong-Straße zu stoßen. Sicherlich, die Verhältnisse dort sind katastrophal, hygienisch unhaltbar, und man ahnt natürlich, wer dort heute noch wohnt. Hier wird die Wäsche, frisch gewaschen und dennoch nicht sauber, auf der Straße getrocknet, zwischen Fahrrädern, wie sie bei uns kein Wohltätigkeitsverein mehr geschenkt annehmen würde und Autos, die nicht einmal so übel sind. Die kleinen Einzelhändler in dieser Gegend sind wahre Spezialisten: so verkauft zum Beispiel einer diversestes Geflügel aus einem winzigen Käfig heraus. Er dreht dem auserwählten Vieh kurzerhand den Hals herum – warum auch nicht? – das Käfigleben war schließlich auch nicht viel schöner als dieser Tod – dann steckt er es in einen großen Bottich mit kochendem Wasser – rotes Blut belebt den unebenen Ladenboden – und nach dem Kochbad lässt das Tier sich ganz leicht rupfen.

Ebenso gnadenlos enden die frischen Fische aus den großen Steintrögen: gegen die Wand geschmissen wird zwar kein Prinz daraus, aber das Mahl kann im Plastikbeutel nach Hause getragen werden. Alles ganz frisch!

Appetitlicher für uns breitet sich das variantenreiche Gemüse aus. Gewürze aller Art können für Pfennige erstanden werden – schade, dass wir diesen Überfluss nicht haben!

Zwischen den Naturalienhandlungen: hie und da öffentliche Toiletten, d.h. Gebäude mit Bodenschlitzen, und das war es dann auch schon; Hallen, in denen Kohlestaub gepresst wird zu runden Briketts, die arme Schlucker unter äußerster Anstrengung auf Anhängern hinter ihren Fahrrädern herziehen; Stuben, in denen wir durch beschlagene Scheiben hindurch frierende Gestalten in schäbigem Mantel ausmachen können, über dampfenden Reisschüsseln oder Feuertöpfen hängend und vermutlich laut schmatzend und schlabbernd, von innen heraus sich aufwärmend – geheizt sind solche „Gaststätten” nicht.

Bei unserem zweiten Gang durch dieses Viertel schneit es. Der feine Schnee bleibt rasch liegen und verwandelt diese Welt in Schwarz-Weiß-Bilder, Bilder aus einer fremden Vergangenheit. Hier nun endlich wickeln sich meine Emotionen aus den grellbunten Bonbonpapierchen heraus. Hier bin ich wohl in China.

Aber es bedarf keiner hellseherischen Fähigkeiten: Bald werden diese Haushofviertel eingestampft sein, und neue Hochhausriesen werden den Anschluß an die bereits existierende Stadtlandschaft herstellen. Erhalten bleiben wird dann, in touristenfreundlicher Nähe zum „Museum Verbotene Stadt” ein weiteres Freilichtmuseum „Hutong”, „take a photo!”, mit Souvenirbetrieb und ein paar waschechten Chinesen aus alten Bilderbüchern.

So stößt man in Peking laufend auf Vergangenheit und Zukunft (überall gibt es z.B. Hinweisschilder auf Peking als Austragungsort der Olympischen Spiele 2008, als sei die Wahl bereits gefallen; Fahnen begrüßen heute schon die Gäste vom Jahr 2008; ein Lichterbogen spannt sich über eine der Haupteinfallstraßen und plärrt „Olympia 2008” in allen Farben des Regenbogens). Wo ist die Gegenwart? Was ist die Gegenwart?

Auch die berühmte Peking-Oper scheint zur reinen Touristenattraktion geronnen zu sein.

Gegenwart findet man auf der breiten Nobeleinkaufsstraße Wangfujing, wo sich vor allem die Jugend bewegt, natürlich mit Handy und einem notwendigerweise gut gefüllten Portemonnaie oder Kredit gar ausgerüstet, denn hier ist es teuer.

Gegenwart findet man, nach meinem Eindruck, vor allem auf dem Platz des Himmlischen Friedens. Bei Mao? Egal, in welchem Aggregatzustand, ob überhaupt er sich in seinem Riesenmausoleum auf dem Tian’anmen-Platz befindet, sein riesenphotorealistisches Konterfei am Tor des Himmlischen Friedens ist von einer gewaltigen Präsenz, und kein rechter Mensch versäumt es, sich darunter photographieren zu lassen.

Vergangenheit und Gegenwart: Im Schuhgeschäft Neiliansheng, d. h. „zur fortgesetzten Palastkarriere” gibt es eine kleine Mao-Photo- und Mao-Schuhe-Ausstellung. Kohls Konterfei dagegen hängt neben anderen Staatsköpfen im nobelsten Peking-Enten-​Restaurant Pekings (da muss man gewesen sein! Wir waren auch da!).

Morgens stößt man auf den großen Straßen, auf denen der Verkehr ein- und auswärts mittels zierlicher Eisengeländerchen kanalisiert wird (Ampeln sind völlig überflüssige und deshalb nicht respektierte Errungenschaften aus der westlichen Welt, die nur den Fort-Schritt aller Verkehrsteilnehmer, d. h. aller Menschen bremsen und außerdem diese Straßenmenschen ihrer unglaublichen Gelassenheit berauben würden, was als großer Verlust an Humanität verzeichnet werden müsste. Hier wird klar: erst Ampeln machen den Menschen dem Mitmenschen zum Feind! Mehr Chaos: mehr Menschlichkeit…),- auf diesen Straßen also stößt man allmorgendlich auf ganze Brigaden von Putzameisen. Diese zeichnen sich durch grüne Plastikschüsseln unterm Arm aus, mit denen sie am Straßenrand aufgefahrene Jeeps ansteuern, aus denen ihnen in ihre Schüsselchen Wasser gespendet wird, mit denen sie alsdann geschickt balancierend zu den Eisengeländerchen zurückkehren und dieselben, kniend oder hockend, reinigen. Manche dieser Ameisen sind auch Maler. Sie streichen die Eisengeländerchen inmitten des flutenden Verkehrs, auf dass alles proper aussehe und sie ihrerseits beschäftigt seien.

Wir sahen auch 1 Kamel. Auf Nachfrage gab unser Reiseführer jedoch, zu unserer größten Enttäuschung, zu, dass dieses Tier den Touristen zuliebe hier herumlaufe.

Wir sahen auch echte Mönche im Lamatempel und ebenso echte im daoistischen Tempelkloster, das wir haben auf eigene Faust besuchten, da Touristenbusse hier nur selten Halt machen. Das Eindringen der Fremden in diese Abgeschiedenheit scheint seltsame Reaktionen, ja Irritationen bei den Mönchen auszulösen. So greift einer bei unserem Auftauchen unvermittelt zu einem Besen und beginnt verlegen-geschäftig, Banderolen von Räucherstäbchenbündeln zu beseitigen. In einem anderen Tempel treffen wir auf einen „meditierenden” Mönch: er ist gerade vertieft in die Geheimnisse seines Taschenrechners, den er, kaum wird er unser gewahr, ganz schnell unter einem bereit liegenden dicken Buch verschwinden lässt. (Bücher sind an diesen Orten in dicke gelbe Tücher eingeschlagen und zu Bündeln zusammengefasst. Dieses sieht malerisch aus, erscheint aber unpraktisch.) Ein weiterer Mönch hält sich selbst wach, indem er in regelmäßigen Abständen gegen ein tönernes Gefäß schlägt. Einen Dritten sehen wir tatsächlich mit seinem Schatten boxen. Leider stellt er dies sofort ein, als er uns bemerkt.

Sehr schön ist die Stimmung in den Höfen vor den Tempelhallen, wo in großen bronzenen Opferbecken Unmengen von Räucherstäbchen verglimmen und der Rauch den ganzen Bezirk in geheimnisvollen Nebel hüllt. Der dabei entstehende Duft ist weitaus aromatischer und angenehmer als der eines einzigen Räucherstäbchens bei uns im deutschen Wohnzimmer.

Wir waren in Peking. Wir waren Teil einer Reisegruppe. Wir waren Gruppenreisende in Peking. Das ist nicht unerheblich! Während man seine Blicke, Gedanken und Gefühle unbeschadet an den Mitreisenden vorbeisteuern kann – gegessen wird an eínem Tisch!

So waren denn die gemeinsamen Mahlzeiten interessant hinsichtlich gruppendynamischer Prozesse: Im Reisepreis inbegriffen das tägliche Mittagessen, meist in einem staatlichen Lokal. Vier große runde Tische, in ihrer Mitte die obligatorische Drehscheibe, reichten aus für die Studiosus-Gruppe. Serviert wurden durchschnittlich acht verschiedene Gänge in unregelmäßiger zeitlicher Abfolge, und jeder stocherte mehr oder minder geschickt mit seinen Stäbchen nach den Brocken. Am Geschicktesten erwies sich eine Dame aus den Neuen Bundesländern: an welcher Stelle der Drehscheibe auch immer die Platten abgesetzt wurden, das Roulette begann sich unverzüglich in ihre Richtung zu drehen und kam just mit der vollen Platte vor ihr zu stehen. Sie war auch die tüchtigste Einkäuferin, und ihr Gatte fühlte sich am Ende der Reise dazu berufen, von den Mitreisenden die Trinkgelder für Fahrer und Führer einzutreiben und mit verhaltenem Lob an die beiden Werktätigen dieses „vordemokratischen Landes” zu verteilen – Wessibeobachtungen, von freundlichem Schmunzeln begleitet.

So eine Gruppenreise allein ist schon eine Reise wert. Macht man so etwas erstmals im Leben, verhält man sich zunächst einfach so wie immer, sagen wir: normal. Schnell jedoch lernt man von den Erfahrenen die Spielregeln, staunt und macht mit, aus Überlebensüberlegungen.

Die „Große Mauer” ist nahe Peking restauriert und für den Massentourismus präpariert. Ein Vor-Fort wurde in jüngster Zeit nach allen Regeln der Disneylandkunst nachgebaut, die Landschaft von Zubringerautobahnen zerschnitten und verschandelt. Die Mauer kann nach links weg von Senioren und nach rechts von Mutigen bestiegen werden; das Erlebnis besteht weniger in der Bewältigung der Steilstrecke als vielmehr erstens : im Spießrutenlaufen an so genannten Hello-Chinesen vorbei, die, hinter jedem Mauervorsprung lauernd, dem Touristen von postcards bis zu dubiosen Silbermünzen alles verkaufen wollen, was dieser nicht will, und zweitens: in der Begegnung mit Reisegruppenmitgliedern, die einem von ihren fünf Bypässen oder von ihrer Heimatstadt Krefeld erzählen – alles faule Tricks wie die Sache mit den Silbermünzen – sie wollen nur auf elegante Weise verschnaufen.

Animiert wird der Mauerbesteiger mittels Chinamusikgesäusel aus Landschaftslautsprechern, für Langnasen-Ohren dieselbe Musik wie im Badezimmer des Hotels, oder beim Chinesen in Mannheim, chinesisch eben.

Zum Glück sah das Reiseprogramm nur ein gemeinsames Mahl vor, so dass Gelegenheit blieb für selbst verantwortete Esserlebnisse wie etwa frische Abalone, unansehnliche Seegurken, zierlich langstielige Lily Flowers, die allein schon wegen ihres Namens köstlich sind, ein Dampfküchlein, frisch zubereitet und aus der Hand gegessen, gefüllt vielleicht mit Hund, aber doch schmackhaft und ohne Nachwirkungen. A propos „Hund”: Hunde dürfen in Peking nicht gehalten werden, es sei denn gegen hohe Steuern. Deshalb werden sie – einer uns ungeläufigen Logik folgend – auf den Vogelmärkten aus Jackeninnentaschen heraus verkauft. Auf diesen Märkten gibt es in erster Linie Tauben und Singvögelchen am Seidenfaden um das Hälschen, die auf Stöckchen frei gehalten werden, ab und zu abrutschen, aber dank des Fädchens nie verloren gehen. Dort aber, wo die größten Menschentrauben zu finden sind, dort gibt es in den Jackeninnentaschen Hunde und Katzen. Ferner kann man Grillen kaufen mitsamt den dazugehörigen Dosen, alte aus Kalebassen mit schön geschnitztem Sandelholzdeckel und neue aus buntem Kunststoff, Grillenkäfige, in deren Nacht die armen Tierchen besonders laut zirpen sollen.

Vor Verhandlungsspaß zirpen, flöten, in die Hände klatschen und vor Freude hüpfen sollte auch eine Papierverkäuferin, mit der wir das „Preisehalbierenspiel” spielten, ohne diese Gefühlsausbrüche vorhergesehen zu haben. Die junge Frau war so begeistert von unserem Verhandlungsgeschick, dass wir das wunderbare handgefertigte Papier tatsächlich zum halben Preis davontrugen, zusätzlich reich beschenkt mit weiteren Bögen und dem hoffnungsvollen Wunsch, wir mögen sie doch bald wieder beehren.

Zufrieden, in der Kürze der Zeit ja doch allerlei über die bekannten Abziehbilder hinaus aufgespürt zu haben, traten wir den Rückflug an: zehn Stunden, in gleißendem Sonnenlicht, nur der Ural wolkenverhangen, in meist 12000 Metern Höhe, unter uns gestochen scharfe Bilder von unserer Erde. Die Wüste Gobi in Braun, die Innere Mongolei unter Schneewatte (darunter in diesem überaus harten Winter Mensch und Tier zahlreich erfror), ab und an eine Siedlung graphisch angedeutet, die Berggrate gleißend und schneidend scharf, Flussbänder mäandernd, sich verknotend, Seen ausgrenzend. Ist das die Trasse der transsibirischen Eisenbahn? Was bedeuten diese Rasterquadrate unter uns? Karawanen! Pipelines! Nomadenzelte! Schwarzweißbilder von Schneegipfeln und ihren Schatten, Meeresufer eisvogelblau, frostig, Eisschollentürme und freigelegte Seewege mit Miniaturdampfern, das Spielzeugschloss von St. Petersburg mit goldenen Kuppeln, nahe dabei qualmende Industrieanlagen – ein Flug, ein Traum, die Phantasie ruhelos, Karawanen und Pipelines, Nomadenzelte und verheerende Kälte, wir kommen aus China, waren wir tatsächlich in Beijing?

Wir landen in Frankfurt am Main. Wo sind wir nun?

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Dorothee Baer-Bogenschütz
Lust auf Laster

Seit dem Morgen haben Danny und Graham geschuftet. Sie haben mit Gabelstaplern den Hof von Nexus Freight gekämmt, hunderte Paletten Fracht verstaut. Ein ganz normaler Montag in Perth.

Wie jede Woche startet am Abend der Road Train-Transport hinauf in die Kimberley Region. Ab durch die Wüste. 3000 einsame Kilometer liegen vor ihnen: Mit drei Anhängern ziehen die Trucker hinaus in die Nacht. Wie üblich werden sie tagelang selbst wie ein Räderwerk funktionieren. Auf dem Great Northern Highway spedieren sie in entlegenste Orte „alles, was keine Beine hat zum Weglaufen”.

Aboriginal Communities werden versorgt, und jemand bekommt einen Jeep. Und dann ist noch ein Gast aus Europa an Bord.

Was für eine verrückte Idee, mit Truckies durch den Kontinent zu gurken: Ins enge Revier wildfremder Männer einzudringen, das kann schließlich zu komischen Situationen führen, fürchten nicht nur die Fernfahrer. Beginnt die Intimsphäre schon beim Schuheausziehen oder erst beim Nachtgebet, grübelt das „German frollein”.

Auf „Trip 5724” sollen die zwei das Fahrerhaus mit einer fremden Frau teilen. Die wähnt sich sofort auf der sicheren Seite: Die Burschen, denen sie ihr Leben anvertraut, sind Charakterköpfe, schauen aus wie John Wayne und Spencer Tracy. Solche meistern das Outback mit jeder!

Graham löst die Handbremse. Er steuert an diesem Montag als erster das Ungetüm, 53,3 Meter lang. Fährt das Abenteuer mit?

600 PS sind unter der Haube. Geschlafen wird nach Stundenplan. Während Graham Gas gibt, wurstelt sich Danny in seinen fliederfarbenen Schlafsack: ‘Fatigue management’ heißt das im Mack Titan.

Bald macht sich hinter den Rebhängen der Weizengürtel breit. Mit glühenden Rückleuchten furcht ein Traktor das Gelände. Zeit fürs Dinner in Ginger’s Roadhouse.

Die Lasterlenker kauen Fish und Chips im Gehen, spülen mit kaltem Kakao. On the road again. Welcome, Willie Nelson. Der Mack Titan pflügt die Heartlands mit 85 Sachen. Vom Straßenrand grüßen ‘Geistereukalypten’. Silbrig türkis die Blätter, kreideweiß der Stamm. Ihr Bett ist rote Erde. Motten platzen gegen die Scheibe. „Und jetzt”, brummt Graham, „kommt New Norcia, da leben Mönche.” 1846 gründeten eingewanderte Benediktiner das Klosterdorf: denkmalgeschützt und ganz dem Gottesdienst geweiht. Über Funk kommt ein Fluch. „Rodney ist hinter uns, sein Feuerlöscher ist explodiert, er versinkt im Löschschaum.” Graham feixt. Fernfahrer halten zusammen. Später, am Truckstop, wird Rodney sein Pech in wilde Gesten kleiden. Er trägt Goldkettchen, Muscle Shirt, sein Brusthaar zur Schau und das Herz auf der Zunge. Schon Ewigkeiten ist er für Toll West unterwegs, die Nummer eins unter Westaustraliens Speditionen. Doch auf der Straße sind alle gleich: Pfundskerle.

Drei Stunden ist Graham gebrettert. Jetzt ist er hundemüde. Er greift zum Raumspray – „Das befreit die Nase” – und haut sich aufs Ohr. Am Rückspiegel hüpft der „Wunderbaum”.

„Damit die schweißtreibende Plackerei nicht zum Himmel stinkt”, sagt er noch und schnarcht schon.

Jeder Millimeter ist genutzt im Truck. Die Haarbürste flankiert das Handy, das neben dem Lenkrad steckt. Zwischen den Sitzen klemmen Kühlbox und Dreckeimer, überm Drehzahlmesser schüttelt es einen rosa Stoffhasen durch. „Die haben doch einen Pussy Truck”, lästert ‘Georgeofthedesert’, der die ganz harten Wüstentouren macht. Sein Parfüm ist roter Staub.

Danny und Graham sind Gentlemen-Trucker und wollen sauber bleiben. So und auch so: „Sehe ich etwa aus wie die abgebrühte Nummer?” fragt Graham, der mit dem John Wayne-Look. Am liebsten erzählt er von seinen Enkeln und dem Garten. Weshalb man sich als Familienmensch ständig auf große Fahrt begibt? „Wir machen das, weil wir gutes Geld verdienen und alles geben für unsere Freiheit.”

Danny mit dem Spencer Tracy-Touch, findet, dass man als Trucker prima nachdenken kann. „Da wird dir der ganze Wahnsinn klar, mit dem Irakkrieg und so.”

Die erste Nacht mündet in einen biblischen Morgen. Blassgrüne Polster aus Spinifex-Gras erstrecken sich bis zum Horizont. Menschen sind nicht in Sicht. Im Mack Titan knurren drei Mägen. Im Capricorn Roadhouse folgt der Katzenwäsche ein schnelles „Brekky”: Spiegelei, Speckschwarten, rußige Würste. Nescafé ist gratis, Kippen machen neun Dollar. Sie heißen Longbeach, Horizon oder Holiday. Im Radio schultert Elvis die Blue suede shoes.

Der Truck durchmisst die Salzbuschweiten. Vielfältiger wird die Vegetation beim Karijini Nationalpark. Er umfasst 6000 Quadratkilometer Berg- und Tallandschaft, Hochebenen und Wasserfälle. Eine Hauptsehenswürdigkeit ist die Hamersley Range mit klaffenden Schluchten, die man vom Truck aus erahnt. Den Straßenrand markieren Termitenburgen und echte Hügel. Auf 1000 Meter bringt es „Mount Nameless”, 1861 von einem Engländer entdeckt. Von Aborigines ist der Gebirgszug seit 20000 Jahren bewohnt. Dahinter wird die Landschaft lieblich. Himmel und Erde schmiegen sich mit weichen Übergängen in die flimmernde Atmosphäre. Wie Lakritze schlängelt sich das Asphaltband durch krebsrotes Terrain. Nirgends sonst, hört man, betörten die Erdtöne des fünften Kontinents mehr als im Westen. Danny kurvt gut gelaunt durch die Schöpfung. Schilder warnen vor dem „Straying stock”. Der Auffanggrill des Trucks ist ein Fliegenfriedhof.

Plötzlich streckt Graham den Kopf nach vorn. Aus der Eisbox wandert eine Limo nach hinten. Draußen stehen Akazien in safrangelber Blüte. Schmetterlinge schwärmen aus.

„Schau mal, Brumbies”, strahlt Danny, als hätte er die australischen Wildpferde, die sich in diesem Augenblick ins Sichtfeld schieben, selbst erfunden. Lange kann man ihnen aber nicht zusehen. Die Dämmerung fällt vom Firmament ohne Vorwarnung. Elvis wünscht „Good Rockin’ Tonight”.

Der Roadtrain macht nicht mehr mit. Sicherheitshalber stoppt Danny an der Steigung: Reifenkontrolle.

Heißluft wie vom Fegefeuer erschlägt die Aussteiger. Rasch retour in die klimatisierte Kabine. Home is where the truck is.

Am Horizont raucht Port Hedland: Eisenerzindustrie, sonst nichts.

Der Tag war lang. Zeit fürs Zähneputzen und eine Dusche im Truckstop. Bei Kilometer 1839 brauchen die fahrenden Gesellen ein Rumpsteak, das Frollein einen Kaffee. „Auf jetzt”, hetzt da Graham schon wieder, „one for the road.” Der „80 Meilen-Strand” soll ja wunderschön sein, doch er bleibt links liegen. Den nächsten Halt erlaubt das Nexus Depot erst in Broome. 5.30 Uhr, ein neuer Tag. Staub geht ins Auge, Sturm kommt auf. Ein Zyklon? Keine Seltenheit hier. „Wir laden aus”, kommandiert Graham.

Nach einem undurchsichtigen Plan, findet das Frollein, werden Paletten umgeschichtet und Anhänger neu komibiniert. In Windeseile putzen die Männer mit den Gabelstaplern die Ladeflächen leer. „Was täten die Kimberley Distributors ohne Pasta Napoli Style”: Danny kichert. Darüber hinaus wird der Truck um Kuhmilch und Kartoffelchips erleichtert, McDonalds kriegt Hähnchenteile. Das Nexus-Team springt, Broome gähnt. Das tropische Seebad, einst die Perlenfischerkapitale der südlichen Hemisphäre, steht spät auf.

Bloß Daryl spießt schon wie jeden Morgen Sonnenschirme in den Cable Beach – zweiundzwanzig Kilometer fürstlicher Sandstrand! Jochen zählt Bratwürste. Die verkauft der junge Koch aus Aschaffenburg auf dem Sonntagsmarkt. Unter der Woche trifft man ihn im Town Beach Café, wo er den besten Barramundi von Broome zubereitet, einen lokalen Speisefisch. Ausgewandert ist er, weil er einem Zauber erlag: „Broome ist magisch, I got a call.”

Der Bayer hat recht. Broome ist der Lockruf der anderen Welt. Manchen bringt das Nest mit dem extremen Tidenhub um den Verstand. Auf einem Parkplatz zupft ein Aborigine die Gitarre: „Bye bye, Miss American Pie.”

Graham macht bereits wieder Tempo. Wer mit Truckern fährt, wird zum Straßenkind. Schon ist Broome Geschichte. Da stehen sie am Weg. Wie festgesaugt. Die Baobab-Bäume mit ihrer verrücktem Flaschenform: 300 Liter fassen die Stars der botanischen Gärten. Graham zischt ein Diet Coke. Sonst geschieht nichts. Erst Stunden später zeigt sich ein Pick up. „Easy living” steht auf der Fahrertür. „Leicht ist das Leben hier aber nicht immer.” Danny zieht den Hut tiefer in die Stirn. „Sie werden gleich sehen.” Nachmittags versorgt Nexus Bayulu. „Das ist ein Aborigine Dorf, aber den Supermarkt leitet eine weiße Lady.” Raels, bildhübsch, schlank, alterslos, hat grüne Augen und hält Siesta. Nach der Trennung von ihrem weißen Ehemann wurden die Ureinwohner ihre Familie. Im Halbschatten sitzt sie vor ihrem Laden auf einem Campingstuhl, glaubt an ihren Platz in der Welt und deutet auf ein Wellblechgebäude. „Bayulu hat eine Kirche bekommen”, sagt sie, „das ist sie.”

Raels ist die einzige Weiße hier und genießt es: „Hier bin ich daheim.” 648 Kilometer bis Kununurra.

Vom Band gurrt Slim Dusty: Der Countryaltmeister des Kontinents. Kein anderer erfasst so sentimental wie lakonisch die Wechselfälle des Daseins unterm Kreuz des Südens, die große Freiheit und den Mut der ‘Mates’: Kumpel, ohne die im Outback gar nichts geht.

„Zu Graham sage ich jedoch Chappy”, sagt Danny, „nur zu Frauen kann man das nicht sagen.”

Ein Exklusivausdruck für Männerfreundschaft. Mitternacht: Die Tanami Wüste klopft an die Tür. Wahre Wüste. In Halls Creek, Ausgangspunkt touristischer Expeditionen, sitzt dennoch keiner auf dem Trocknen. Das Kimberley Hotel schluckt Shiraz Cabernet und Victoria Bitter-Bier kistenweise. Das Entladen dauert. Als Graham den Truck erneut startet, riecht es nach Trouble. Eine Straßenbiegung weiter jaulen Bremsen.

Lieber Gott, winkt da nicht die Legende der Landstraße? Rodney taucht auf aus dem Nichts, ist schon auf dem Rückweg nach Perth. „Kann eure Frau jetzt nicht mal mit mir fahren?”, blökt er nur.

Doch das „Frollein” liegt längst neben Danny. Sie sind inzwischen ein eingespieltes Schlafgespann. Er streckt die Füsse zur Seite, sie den Kopf daneben. Rodney hat wieder Pech. „No worries”, sagt Graham, „das ist ein Urgestein und für die Straße geboren, genau wie wir.”

Bald nach Mitternacht ist Turkey Creek erreicht. Im Motel lockt das erste Bett seit Tagen. Nein, sowas Feines! Doch: Wie seltsam, auf einer Matratze zu liegen. Man fühlt sich wie ein Anhänger, der im Busch vergessen wurde. Und von allen Deos verlassen. Ach Wunderbaum, ach Wunderbaum. 3322,6 Kilometer hat er jetzt herumgewackelt. An Schlaf ist nicht zu denken. Besser noch ein bisschen raus auf die Veranda neben der Tankstelle mit Blick auf die Milchstraße und die Zapfsäulen, die die Aborigines poppig bemalt haben.

Soll man jetzt sein Leben ändern? Fünf Uhr morgens. „Du weißt nie, ob du eine zweite Chance kriegst”, sagt der Mann von Kleenheat Autogas, der Rohre verlegt in aller Herrgottsfrühe. Die Weisheit der Wüste.

Zurück ins Nutzfahrzeug, der letzte Tag zu dritt bricht an. „Dahinten ist die Argyle Diamantenmine”, sagt Graham, „die größte der Welt.” Doch wie sollen Champagner- und Cognacdiamanten jemanden berauschen, der gerade Road Train-Romantik erfuhr, wild und verführerisch? Was bedeuten Brillies gegen Brummis! „Kununurra kann warten”, knurrt Spencer Tracy. „Auf, wir fahren noch zur Mangofarm, bevor wir sie abliefern in ihrem Hotel” sagt John Wayne und lässt den Motor an.

So süß kann die Terra Australis sein: Der Farmer serviert Mangos direkt vom Baum. Jetzt, wo das Frollein aus dem goldenen Westen wieder weg muss, verspürt sie nur eins: Lust auf Laster. Beim Abschied rollt noch etwas. Tränen.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Klaus-Dieter Gleitze
Frankfurter Schule

Der Pulk von ca. 15 Menschen stand mit dem Rücken zu uns. In einem Halbrund versammelt, starrten alle auf eine für uns nicht einsehbare Stelle. Dieser Pulk strahlte etwas hermetisches, fast bedrohliches aus.
Wir näherten uns zögernd und versuchten auch einen Blick auf den Verletzten oder die Leiche zu erhaschen.
Es handelte sich um den Speiseplan unseres Hotels.
Halblaut lasen sich die Versammelten gegenseitig das Angebot für den Abend vor. Der Speisesaal würde in einer Viertelstunde öffnen.
Mallorca, Anfang der Achtziger, 14 Tage VP (=Vollpension), mein Freund Sigi und ich, mit Freundinnen, waren in einem durchschnittlichen Hotel an einem durchschnittlichen Küstenort gelandet. An viele Einzelheiten kann ich mich nicht mehr erinnern, ein paar Bilder sind haften geblieben, so das geschilderte eben.
Und dann war da noch die Geschichte mit Tibulski.

Wir lernten Tibulski in den nächsten Tagen näher kennen, im Pulk, in dem wir uns von da ab mit versammelten. So wie andere rieben wir uns die Hände und kommentierten das zu erwartende Vorspeisen-, Hauptgerichte- und Dessert-Angebot, je nach Gusto mit einem enthusiasmierten, leicht tremolierenden „MmmmHmmH!” oder auch – bei Unverständnis des dort geschilderten – mit einem skeptizistisch fragenden „Hm?”.
Aus der Ferne betrachtet mag so ein Pulk-Verhalten etwas schafsmässig Bescheuertes haben, zumindest konnte es auf eher „Daumen-im-Wind” orientierte Rucksacktouristen – wie ich bis dahin einer war – so wirken. Spätestens am dritten Tag aber in so einem Pulk verlor sich definitiv jeder von uns intendierte ironisch gebrochene Inszenierungscharakter. Wir wurden eins mit dem Rest: „Spargelcreme Suppe, Meeresfrüchte Salat, Cordon bleu, leck fett!”
Es gefiel uns.
Tibulski hatte das registriert und sprach uns also eines Vormittags auf der Terrasse an der Bar an: „War lecker gestern, das Pollo”. Ja, war lecker. Und, später: „Sind bei Ihnen auch die Kacheln locker?” Nein, bei uns im Bad war alles ok.
Dann hatte er ein DIN A5 Format Klemmbrett in der Vorhalte und der entscheidende Satz fiel: „Ich führ über alles Protokoll. Solltet Ihr auch machen”.
Wie bitte?
Zum Mittag waren Sigi und ich einigermaßen Aperitif benebelt und fasziniert. Seitenlang hatte Tibulski Mängel in ein von ihm selbst entworfenes Formblatt mit Datum, Ort, Mangel, Mangelausmaß, Zeugen, Beschwerde annehmender Person, usw. eingetragen.
Er führte es mir an einem praktischen Beispiel vor: „Komm mal mit auf den Flur.” Dort: „Und, wie riecht das hier?” – „Nach nichts, vielleicht ein bisschen nach Ata oder so.” – Tibulski schaute mich an, fast mitleidig: „Klaus, Du hast es nicht kapiert. Hier müffelt es wie auf Klo und da sind locker bis zu 10% Reisepreis- Erstattung drin, je nach Ausmaß.” Ich schnüffelte: „Ich weiß nicht …”
Sigi hatte inzwischen einen weiteren Aperitif in Arbeit und nach einer Kurzinfo durch Tibulski die Situation völlig im Griff: „Klar, da stinkt’s nach Scheiße, hab ich gleich am ersten Tag gerochen.”
Die Marschrichtung war klar. Innerhalb von zwei weiteren Tagen hatten wir Tibulskis Liste Umfangmäßig eingeholt. Vormittags an der Bar ließen wir ihn Korrektur lesen und tauschten Erfahrungen aus. Wir lernten schnell.
Und kriegten Probleme.
Zuerst mit unseren Freundinnen. Bemerkungen wie: „Der Fisch ist doch schon eine Woche alt wie der riecht” oder „Ist das noch Schnitzel oder schon Teller?” bei der abendlichen Essen-Mängelsuche trübten unser Vierer Binnenklima deutlich.
Dann mit Tibulski. „Das geht nicht, Ihr könnt da nicht rein schreiben „Gefahr durch wilde Tiere beim Spazieren gehen”. Die einzigen wilden Tiere hier sind die besoffenen Engländer. Ihr müsst glaubwürdig bleiben, auch für Euch selbst, damit Ihr die Liste zu Hause für den Beschwerdevorgang auf ein realistisches Maß eindampfen könnt.”
Am nächsten Tag wurde Tibulski sauer: „Was soll das? „Verächtlich dreinblickender Kellner”?
Wollt Ihr Ärger mit dem Personal kriegen? Ihr wollt doch bestimmt wieder hierher kommen, schließlich ist das traumhaft hier. Und wer garantiert Euch, dass das Personal nicht wegen so einem Kasperkram einen Einlauf kriegen und Euch das nächste Mal die Sache heimzahlt!”

In den letzten Tagen unseres Urlaubs vereinsamten Sigi und ich zusehends, ohne darunter zu leiden. Wir setzten bereits vor Ort am Strand das Schreiben an unseren Reiseveranstalter auf. Ein Vorgehen, von dem uns Tibulski in der ersten Lektion dringend abgeraten hatte: „Sacken lassen!”
Spätestens als wir diskutierten, den Punkt auf zu nehmen, dass die spanische Marine bei einem Manöver unseren Strand mit Übungsgranaten beschossen hätte, wussten wir, dass wir uns bei Tibulski nicht mehr blicken lassen durften.
Nach vier Wochen erhielten wir einen netten Antwortbrief unseres Reiseveranstalters. Leider könne er der Forderung nach vollständigem Reisekosten Ersatz sowie Schmerzensgeld nicht nachkommen. Als kleine Aufmerksamkeit füge er aber in der Anlage einen Reiseführer bei und hoffe, uns demnächst wieder als Kunden begrüßen zu können.
Ich bin danach nicht mehr getrampt, sondern geflogen und habe mir vor Ort eine Bleibe gesucht oder auch schon mal wieder komplett gebucht.
In letzterem Fall ertappe ich mich manchmal am Strand, wie ich auf einem Blatt Papier ein Formblatt skizziere mit der Überschrift „Frankfurter Liste”.
„Frankfurter Liste” – die kennen Sie sicher. Mitte der Achtziger wurde Gerichtsseitig in Deutschland eine Tabelle dieses Namens festgelegt, die prozentuale Minderungsbeträge für Reisekosten Erstattung je nach Mangel angibt.
Und wenn Sie in Hotelbewertungsforen im Internet nachschauen, bemerken Sie bei den Bewertenden nicht selten eine ganz bestimmte Handschrift, einen „Klemmbrett Formblatt” Duktus.
Man könnte meinen, da hat sich im Laufe der letzten Jahre eine Art „Frankfurter Schule” entwickelt.
Und ich habe einen der Gründungsväter kennen gelernt.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Phyllis Kiehl
Lamu Tamu

Ein langsam tuckerndes Motorboot, Benzingeruch weht vom Hafen herüber. Der Wind macht zahllose Schäume auf dem Wasser; er greift nach allem, das nicht genug Haftung hat und umkleidet Haare und Haut mit Salzpartikeln. Wir tragen weite Gewänder, die er uns ungeduldig an die Körper presst, ohne Vorspiel unsere Konturen erkundend.

Ein weit gereister, sanfter Fremder, dem ein Tiger als Kind das halbe Gesicht wegriss, kommt auf die Insel und beginnt schon nach wenigen Stunden, Brot und Heu an die Esel zu verfüttern, ein moderner Franz von Assisi, auch dem Tiger von damals hat er längst vergeben. Viele, viele Operationen, bis er sich wieder im Spiegel erkannte; zuhause in London kennt man die Geschichte.

Die Esel nehmen die Spenden des Neuankömmlings stoisch entgegen. Es ist schwer, ihren Augen mit den langen Wimpern einen Ausdruck zu entnehmen, den man deuten könnte. Was tun sie nachts, wenn sie sich unbeobachtet wähnen? Haben sie Geheimnisse? Nichts Menschliches regt sich in einem Eselkopf. Besser, man betrachtet ihre Hinterteile: Sie sind sehr hübsch, die schwarze Mandel ihres Geschlechts ist samtig und elegant gefaltet. Darüber hängt ein robuster Schwanz, mit einer Quaste.

Die Frau des Fremden ist rastlos, ihr ruckender Blick verrät, dass die Suche keine einfache ist. Eine starke Nuance von Verzicht. Schlank. Die Köstlichkeiten, die abends vor sie hingestellt werden, lassen sie erstarren, erst, wenn diese Dinge nach einer Weile von anderen gegessen werden, kehrt ihre Nachgiebigkeit zurück.

Wir anderen sind eher fett. Zuhause schlangen wir, ohne hinzusehen, doch hier überkommt uns ein Hunger besonderer Natur: Dieser der Moderne entrückte Ort macht etwas mit uns, das wir schwer benennen können, wir treten in eine Phase der Anverwandlung, vermischen uns mit der Substanz der Insel. Überall wird heftig geschwitzt, dunkle Körper schieben sich vorbei, beredte Botschaften verströmend, starke Signale. Wir indes sind Mzungus, Weißhäutige, wir wissen nicht, was ihnen unsere Haut erzählt.

Wir lassen uns treiben. Mit jedem Partikel, den wir in den engen Gassen verlieren, schreiben wir unsere Anwesenheit in die Geschichte des Ortes. Die Übersetzung findet ohne uns statt: Der innere Kern der Insel liest jede Sprache und speichert sie, für immer. Bereits nach wenigen Stunden kann die Veränderung, die wir durch unser bloßes Dasein bewirken, nicht mehr rückgängig gemacht werden. Was kommt danach? Wer von uns wird wo eingreifen? Und warum?

Unsere Gedanken keimen und verketten sich im Teig der Tage. Wenig von dem, was wir bereits wissen, findet eine Entsprechung hier; wir lassen Ideen in die heiße Luft ausschwärmen und bereiten uns vor.

Nachts legen wir uns unter die Netze und träumen. Nur die kleinsten Insekten durchqueren die engen Maschen, saugen, wechseln zu anderen Körpern, vermischen uns Schläfer mit den anderen Warmblütern der Insel, verteilen die in uns enthaltene Information. Allein das Gedächtnis der Zellen verfügt über die Fähigkeit der wortlosen Übertragung: Keime. Vergegenwärtigung. Glück. Krankheiten. Gerüche. Empathie. Gemeinschaft. Lippen, dick wie Törtchen. Säuren und Laugen. Vorbehalte. Die Selbstverständlichkeit, sich zu ereifern. Bewegungen. Opulenz ohne Dekadenz. Die Höflichkeit derer, die wissen, dass allein Höflichkeit nichts kostet. Zufall versus Schicksal. Differenzierungen. Der Geschmack von Dreck. Eseldunst. Das Gefühl von Kraushaar auf der Kopfhaut. Geschlechtsspezifisches. Wie es ist, hier aufzuwachsen. Sand, trocken und nass. Die Kratzigkeit von Fischschuppen. Der Moment der Intimität, wenn der dünn besohlte Fuß einen Haufen frischen Eseldungs betritt.

Wachstum.

Lethargie.

Auf dem Platz vor dem alten Fort sprechen Männer in Mikrophone, manche ordentlich und berufen, andere schon halb zerfetzt vom Gelebten. Die Menge versammelt, verläuft sich wieder; nur die ganz Alten bleiben bis zum Abend sitzen. Wir lauschen dem Klang der Stimmen, ohne Orientierung: Der Geist begibt sich auf Abwege, macht andere Beute. Alles ist gleichzeitig. In halbrunden Schalen siedet Öl in den Gassen. Teile von etwas, das ursprünglich ganz anders ausgesehen hat, werden hineingeworfen, zischen auf und sind fast sofort gar. Man nimmt ein Tütchen davon entgegen und stippt die Stücke in eine rosafarbene, körnige Substanz. Zucker? Salz? Wir verschieben die Verkostung.

Vereinzelt schwarze Schleier, unter denen onyxfarbene Pupillen alles sehen. Die tief verhüllten Frauen halten nie an, um zu essen, sind immer unterwegs zu einem anderen Ort. Sie tragen Früchte nach Hause, Kartoffeln, Fisch. Stoffe. Wir glauben, dass sich unter ihren schwarzen Gewändern raffinierte Schichten anderer Materialien verbergen, Höschen aus Spitze, geschmückte Innenflächen, bemalte Haut. Nichts davon können wir dem schmalen Fenster entnehmen, das die Augen freigibt.

Die plötzlichen Eindrücke und der Wind, immer Wind. Wenn er nachlässt, legt sich die Hitze wie ein wabernder, dicker Gewürzteig über die Wahrnehmung und macht alle Gassen dicht.

Wir kaufen farbige Tücher und XXL-T-Shirts in kleinen, dunklen Lädchen, an deren Schwellen die Schlappen zurückgelassen werden, um den Sand nicht ins Innere zu tragen. Abends finden wir uns in geschützten Ecken zusammen. Die gut betuchten Ausländer schwelgen in Diskretion. Nur aus beiläufigen Bemerkungen beim Abendessen erschließen sich ein paar gesellschaftliche Zusammenhänge. Man kennt sich, die Metropolen sind nah, hier auf Lamu, Laptops liegen auf den Diwanen, Ipods. Eine Menge Teenager, deren Eltern viel Geld verdienen, oder einfach schon immer welches hatten. Die Teens sind hübsch und fahrlässig und gehen zuhause auf Schulen, die ihre Eltern schon besucht haben.

Jede zweite Begegnung ist konspirativ, jedes Vorhaben muss sorgfältig in die Substanz des Ortes geknetet werden, bis es zum Ereignis werden kann. Ein flüchtiger Geruch, die leichte Verengung einer fremden Pupille, ein Stückchen Holz, das abends unter unseren Füßen zerknackt: Wir sind in der Mitte von etwas, nicht mehr am Rand.

Die Nächte schaffen keine Distanz, keinen Abschied, der herandämmernde Morgen scheint den gleichen Tag anzukündigen, der gestern schon war. Bei Stromausfall brennen nur vereinzelt Laternen in den Häusern. Wir benutzen die winzigen Lämpchen spezieller Feuerzeuge, die es hier überall zu kaufen gibt.

Später bewegen wir uns im Dunkeln, wie die anderen. Die Mauern der Häuser rücken nachts zusammen, es ist, als würde man durch Röhren laufen. Das einzig Helle ist das Weiße in den Augen derer, die uns entgegenkommen.

Wenn die Sonne aufgeht, glühen die Farben wieder. Wir machen Pläne. Einer von uns entwirft unweit der Stadtmitte ein Domizil für Künstler und Schriftsteller, bringt privates Geld auf, setzt den Bauprozess in Gang. Die neuen Gebäude entstehen auf dem Gelände einer ehemaligen Fabrik für Palmöl. Öl: Das Zeug, das Prozesse geschmeidig macht. Vielleicht hat das Gedächtnis der Insel ein Einsehen und lässt uns das Künstlerdomizil durchgehen, im Namen der Geschmeidigkeit. Wir nennen den Ort Factory; schon jetzt hat er eine Geschichte.

Wir werden ganz sicher neue hineinschreiben. Wir betasten den Rohbau, inspizieren Perspektiven; aus den Ideen, die wir entwickeln, entstehen die Phantome zukünftiger Gäste. Wer sind die Verwandler, die Künstler und Denker auf beiden Seiten, die hier zusammenzubringen sind? Das Gelände hat schon jetzt eine erwartungsvolle Aura angenommen: Etwas ist im Gange. Es wird nicht genügen, die vertrauten Muster aufzurufen. Wir brauchen die Umwälzung unserer Systematiken, um interessante Ansätze zu entwickeln. Mehr Irritation. Anders strukturierte Zeit. Weniger Beschwichtigung, mehr Profil.

Diese Dinge sind möglich hier. Die Lust auf Neues hat Einzug gehalten in Lamu, doch in welche Richtung sie unterwegs ist, kann bislang niemand beantworten, ohne an die besonders berüchtigten Fragen zu geraten: Besser leben, was ist das? Weniger Krankheit und Krieg? Wer soll besser leben, essen, Geld ausgeben, alle, oder nur einige? Wer zuerst? Kann so etwas wie Beiläufigkeit entstehen zwischen uns, die wir kommen, und jenen, die noch nie woanders waren, so etwas wie Selbstverständnis? Einmal fertig gestellt, wird sich das neue Gebäude so diskret und natürlich in die Umgebung einfügen, als sei es schon immer da gewesen, ein frei bespielbares Konstrukt. Die alte Fabrik hat Öl produziert. Was wird die neue hervorbringen? Braucht es Moderatoren für die künstlerische Produktion? Wie viel Freiheit verträgt das Projekt? Und wer nimmt die Herausforderung an, es mit den sprachlichen Begriffen zu bekleiden, die nötig sein werden, wer greift nach dem heißen Eisen?

Der Druck muss wachsen. Da, wo es nicht riskant wird, passiert nichts von Belang.

Draußen gehen die Ortsansässigen ihren eigenen Zielen und Geschäften nach, von denen wir nicht viel erfahren. Männerstimmen in den Gassen, ihr Klang bricht sich an den alten Häuserwänden, aus Korallenstücken gefertigt, jedes von Menschen oder Eseln geschleppt. Seitdem große Steine verwendet werden, dauert das Beladen der Tiere nicht mehr so lange, doch der schwere Tritt ist derselbe geblieben. Vielleicht sind diese Massen von Eseln Nachkommen einer einzigen Eselfamilie, die schon Jahrhunderte auf der Insel ansässig ist; vielleicht sind die Esel die älteste und inzüchtigste Sippe hier auf Lamu.

Mittag, die Sonne steht hoch. Ein Bussard hängt fast reglos mit ausgebreiteten Schwingen in der Brise. Schwalben warnen. Jemand schlägt einen Nagel ein. Tok, tok. ... tok. Er hat keine Eile. Ein junger Mann breitet frisch gewaschene Wäsche auf einem benachbarten Dach aus, die Ecken beschwert er mit Steinen, damit der Wind sie nicht fortweht. Die Hitze der Dachpappe scheint seinen blanken Füßen nichts auszumachen. Seine Fußsohlen sind ausgewalzt und an den Rändern etwas knotig, wie Pizzateig, als habe er noch nie Schuhe getragen. Ein Dach weiter ist auf einer sauberen Stelle Getreide zum Trocknen ausgestrichen. Wer fliegen kann, pickt sich seinen Anteil weg.

Keiner stört sich daran. Vom Wasser her Kindergeschrei.

Viele Stunden am Tag scheint komplexes Denken unmöglich. Wir entwickeln Antennen, die es durch etwas ersetzen, das wir Intuition nennen würden, wenn uns das Wort nicht so peinlich wäre. Doch dann, eines Tages, verweilen wir lange an einem zufälligen Platz in der Sonne, und ohne dass wir es merken, sickert das Konzept von Peinlichkeit in die Erde und wird von der Insel verschluckt. Abends schon ist es, als habe es nie existiert.

Später steigen wir auf die Dächer. Der Wind kommt jetzt massiv vom Meer herüber, das nur wenige Meter entfernt ist, zischt durch die weißen Zinnen, wütet in den offenen Bassins der Dächer wie ein gefangener Derwisch, rast mehrmals hoch und tief und diagonal über alle Oberflächen und fegt dann weiter ins Inselinnere. Alles ist ständig in Bewegung, die Seiten der Bücher flappen, die Haare, Gegenstände rollen über den Boden. Eben taucht eine winzige Schwalbe aus einer Strömung. Sie macht ein Geräusch, als würde sie ein Netz aus gesponnenem Glas durch die Luft ziehen.

Was wir sonst noch brauchen? Nichts. Nicht, auf gar keinen Fall, Menschen, die immer gerade im Begriff sind, etwas Interessanteres anzufangen als das, was sie gerade tun.

Durch die Zinnen das Wasser. Die nächste Insel, auf der bisher nur einige Häuser stehen, ansonsten Mangrovenwälder. Eine Motorsäge, weit entfernt. Die Stimme eines Muezzins hebt sich zum Gebet, rechts, es scheint, als stünde er auf gleicher Höhe auf einem anderen Dach, bis uns klar wird, dass nur die Lautsprecher der Moscheen so hoch angebracht sind. Die ausgeleierten Stimmen der anderen Rufer fallen kreisförmig ins Gebet ein, Allah Akbar, singen sie, Gott ist groß, und Mohammed ist sein Prophet. Mühelos vermischen sich die Rufe mit den Geräuschen des Ortes, unmöglich, sich zu distanzieren von der Selbstverständlichkeit des Appells. Der erste Ruf erklingt schon vor dem ersten Hahnenschrei.

Wir sind müde. Die Gedanken flappen im Wind wie ein Haufen nasser Kikois. Verbale Kommunikation wird überschätzt; wir möchten länger schweigen. Vielleicht sollten wir es mal mit Leere versuchen. Das Sammeln von Information, das jahrelange Anhäufen dessen, was der Verstand nur hergibt, bis ein relevantes, intellektuelles Konstrukt entsteht: Hier scheint es wie der Versuch, mit einer kleinen Schippe im offenen Meer eine Insel aufzuschütten. Vielleicht wäre es interessanter, das Meer zu sein.

Hier kann das gelingen, nach einer Weile. Es liegt am Wind, der morgens langsam anfängt zu zupfen und im Verlauf des Tages immer heftiger wird: Er säubert das Gehirn wie ein Putzerfisch.

Eben haben wir ganz klar die Gegenwart der Pflanze, die neben uns die Wand hoch wächst, gespürt. Nachdem wir schon vor Tagen bemerkt hatten, wie ihr Schatten als Scherenschnitt auf die Mauer fällt.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Rea Köppel
Dorf von hinten

Für gewöhnlich hört man ja wenig von dem Ort, dem man einsitzt, der wird als erkannt, erlebt, belebt vorausgesetzt und bleibt unerhört. Meistens hört man dafür sehr viel von anderswo. Nicht so im Dorf. Hier hört man jeden Tag vom Dorf, ach dieses Dorf!, und all das Schöne, von dem man eingekreist, ja umzingelt sei. Alle Frösche quaken davon, laut, ausdauernd.

Es ist ein Dorf, in dem man böse wird. Unweigerlich. Man möchte nicht, doch man ist immer falsch. Man hat nicht wie all die Frösche Zeit, viel Zeit. Oder Geld, viel Geld. Gute Laune und Sportsgeist. Von den umzingelnden Schönheiten sieht man nur Rückseiten, Rücksichten und Krückstützen. Auch von den Alpen.

Dieses Dorf muss Potemkin entsprungen sein. Und ich bin eine der Stützen für schmucke Fassaden. Ergo sehe ich diese von hinten. Ich sehe bald alles nur noch von hinten. Ich trage mit an der grossen Show. Ich bin neidisch, ja. Neidisch auf all die Urlaubsfrösche. Wenn mir auch noch so schneeweisse Berggipfel beinah die Augen ausschlagen, da draussen, würd ich doch manchmal nichts lieber als abreisen. Auschecken aus dem Dorf. Ja, wenn die Luft klar ins Tal schneidet, dann sind sie unglaublich nah, diese Berge. Und sie sind… schön. Kein anderes Wort dafür da. Aber das bringt mir nichts. Ich arbeite hier, in den Alpen. Ich lebe vom Kommen und Gehen der Frösche. Ich rupfe sie, wie alle hier.

Er wäre gern an meiner Stelle, sagt mir ein Frosch. Seufzend. Ach so? Äusserstem Lächeln folgt innerster Monolog. Es ist eine Stelle, verstanden? Mit Risiken, mit Nebenwirkungen. Man zahlt Sozialabgaben, man ist vertraglich gebunden, hat einen Chef, der Potemkin heisst. Nur weil Sie hier zu Gast sind, an keine Normalität mehr gebunden, nur weil Sie losgebunden, losgelassen wurden auf dieses Dorf, eine Froschherde, Apokalypse im Alpenraum; nur weil Sie Freiheit wittern für ein paar Tage, heisst das noch lange nicht, dass es allen so geht. Haben Sie denn keine Stelle daheim, sind Sie stellenlos, stellensuchend? Nein? Nur mal kurz stellenunglücklich, nur so virtuell? Dann stecken Sie sich ihre Stellensehnsucht sonst wohin! Und ja, ich bestehe ausserdem auf diesem Sie. Ich werde nicht Ihr UrlaubsDu sein, ich nicht.

Kein Frosch kann mich kennen, auch wenn er mich lächeln sieht, auch wenn er mich fotografiert, bei der Arbeit als Einheimling in Aktion. Und im Schlaf, durch das Fenster, als sei ich ein Alpenwunder mehr, eine Sehenswürdigkeit hinter Glas. Was für ein Alptraum. Meine Brüste sind keine Berge, mein Schlaf ist kein Beispiel von urchiger Seligkeit, meine Bettdecke kein Gletschermodell. Mein Zimmer ist meins, hierhin rette ich mich von meiner Stelle als lächelnde Hilfskraft, als Froschrupferin. Folglich haben Frösche hier draussen zu bleiben.

Kein Frosch kann das Dorf kennen, wenn er auch tausendmal hier war, wenn er auch tausendmal Stammfrosch ist. Das ist eine Frage der Perspektive. Das Dorf aus der Froschperspektive und das Dorf von hinten haben keinen gemeinsamen Schnittpunkt.

Liebe Stammfrösche. Wussten Sie, dass auch die Alpen eine Rückseite haben? Einen Alpenpopo? Von hinten lesen sie sich fast wie Nepal. Auch Alpen, nur anders. Alles ist anders von hinten. Wussten Sie, dass die Gastarbeiter im Dorf oft zu fünft in einem winzigen Zimmer einsitzen, ihre Zeit, die Privatsphäre und ihre Seele verkaufen, eine Saison lang? Saisonlang Suppe servierend, einige tagsüber, andere nachts, lächelnd, und dann Schicht schlafend in dem kleinen Zimmer, rückseitig am Dorf? Waren Sie schon einmal hier am Ende der Saison, liebe Stammfrösche? Wenn die Gastarbeiter, die sich ja nur durch das längere Wort und das längere Dasein vom Gast unterscheiden, in den Nächten und tagsüber Schicht träumen von der Rückkehr, nach Portugal, nach Spanien, nach Albanien, zur Familie – nur ein wenig beschädigt und nur ein wenig reicher? Wenn diejenigen, deren Familie schon immer im Dorf einsass, die in den Stamm der Einheimlinge eingeboren sind, müde sind von einer Saison des Rupfens? Sie sind stolz darauf, die einzigen hier zu sein, denen man kein „Gast” anhängen kann, sie sind stolz, weder Arbeiter noch König zu sein. Sie sind ein ganz kleiner, aber mächtiger Stamm. Und sie rupfen beidhändig, auf beide Seiten hin, rupfen die Arbeiter in den kleinen und die Könige in den grossen Gastzimmern. Sie lernen früh zu erkennen, zu scannen, wer etwas bringt, Geld oder Arbeitskraft, und wer nicht. Und gegen Ende der Saison träumen sie auch, in den Nächten und tagsüber; sie träumen, sie könnten sie einfach abknallen, die Froschherden. Das erzählen sie aber nur leise, unter sich, gegen Ende der Saison. Und die anderen nicken dazu. Das ist eben so am Ende der Saison, die Nerven liegen frei in den Gletscherspalten. Zweimal in jedem Jahr, vorauszusehen wie die Schneeschmelze. Wussten Sie eigentlich, liebe Stammfrösche, dass in der Schweiz viele Sturmgewehre vom Militär in den Dachböden liegen? Auch hier, im Dorf? Nein?

Ja, man wird böse hier. Man weiss ja eigentlich, dass sie nicht schuld sind, dass sie nur alle nicht anders können. Man sieht auch die Frösche nur einseitig, von ihrer Urlaubsseite, man tut ihnen unrecht. Daheim werfen sie womöglich weniger mit ihrem Geld und ihrer Zeit herum. Daheim sind sie womöglich scheu und zurückhaltend, fotografieren nie, und schon gar nicht die Schlafzimmer anderer Leute. Daheim sind sie womöglich unglücklich und zart. Nicht so penetrant glücklich grinsend wie hier. Und die Einheimlinge ebenso. In einem anderen Dorf, in einer Stadt, irgendwo, würden sie sich auch nicht saisongetaktet in Neid steigern.

Wenn man sich ab und zu schämt für den Neid und das Lächeln, die Wörter – Frösche, Einheimlinge – und die Wut, dann lächelt man gleich noch ein wenig mehr. Man muss sich selbst und den Fröschen, dem Chef Potemkin, den Alpen und all den umzingelnden Schönheiten seine Zufriedenheit zeigen. Auf dass nicht nächstes Jahr weniger Frösche kämen oder Lawinen, die Klimaerwärmung und was der alpinen Strafen so sind. Abends dann übt man sein Lächeln. Und sucht nach dem Ausgang. Doch dieses Dorf hat nur Eingänge, und bei der Suche kann man froschgrün werden oder, schlimmer noch, in enger Sportkleidung enden, neonbunt.

Ich will hier weg, bevor ich neidneongelb oder wutneonrot bin. Fragt sich nur wie. Wie ging das denn in der Zeit, als das Wünschen noch half? Soll ich mir einen Froschkönig suchen, der mit mir von meinem Tellerlein isst und mit mir in meinem Bettchen schläft? Und ihn dann an die Wand werfen? Der Teil gefällt mir. Zwar brauche ich keinen Prinzen und keinen Heinrich, auch der Wagen kann ruhig brechen, nur eins der Pferde nehme ich mir. Damit bin ich schnell über alle Berge, und ich kehr mich nicht um. Eigentlich möchte ich nichts, als dieses Dorf weder von unten noch hinten, sondern vom Happy end her zu sehn. Von einer Zukunft im anderswo. Dann könnte ich, solang ich nicht gestorben bin, von einem traurigen Ort erzählen, der immer lächelt, von einem Dorf mit Schloss und Wald in einem Eswareinmal.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Chris Lind
An den blauen Stränden von Upsilon Andromedae

So eine Idee konnte nur vom Chef kommen. Gut, in letzter Zeit investierte ich nicht viel Herzblut in meine Kolumne. Die Gesellschaftsspalte langweilte mich zu Tode. Musste er mich deshalb gleich verbannen?

„Cassie, von dir kommt nichts mehr. Also schicken wir dich auf eine Kreuzfahrt ...”

„Aber ...”

„..., du erholst dich und schreibst ein paar hübsche Reiseberichte. Die Karten gab’s von den Jüngern Epimethus’ umsonst.”

Moment mal. Epimethus? Das waren doch die Enthaltsamen. Ein letzter Rest Widerstand regte sich.

„Darf ich mir nicht einmal die Reise aussuchen?”

Intergalaktische Kreuzfahrten – schon unter Halluzinos der reine Horror. Ohne Drogen – nicht daran zu denken. Beim Gedanken an den Kryoschlaf sträubte sich mir jedes Härchen. Vor meinen Augen tanzten Bilder einer zerborstenen Kryokammer ...

„Cassie. Du wolltest eine Chance. Nutze sie.”

„Sorry, Chef. Ich war mit den Gedanken woanders.”

Er seufzte. „Kriegstreiber verkaufen in den Dark Nebulae beiden Seiten Massenvernichtungswaffen. Starpolice und Galaktopol verdächtigen die Jünger Epimethus, dass sie sich am Geschäft mit dem Tod beteiligen. Ihre Kreuzfahrten dienen der Tarnung.”

„Warum ich?”

Der Chef grinste und drückte mir einen Holoprospekt in die Hand: „Gute Reise!”

Damit war ich entlassen. Die Werbebroschüre schlug Purzelbäume, um mir die Freuden einer Kreuzfahrt näher zu bringen. Supernovas, Rote Riesen, Weiße Zwerge. Friedvolle Treffen mit langweiligen Vertretern noch langweiligerer Rassen. Alles nur, um endlich die Klatschspalte zu verlassen.

In Eile packte ich meine Sachen und checkte als eine der Ersten ein. Das riesige Schiff hing schwerelos in den Landungsdocks und glitzerte im Licht der beiden Sonnen. Die Interamnia Star erinnert an Delfine, die elegant durch ein unendliches Meer gleiten, formulierte ich im Kopf.

Eine ölige Stimme störte meinen Storybeginn. „Hallo, schöne Frau, sitzen Sie an meinem Tisch?”

Nicht einmal an Bord und schon der falsche Mann! Warum hielten sich kleine Moppel für unwiderstehlich? Hilfesuchend schaute ich mich um. Dort stand meine Erlösung. Groß, schlank, dunkel, von einem Hauch Geheimnis umweht.

„Retten Sie mich!”

„Entschuldigung?”

„Der kleine Dicke verfolgt mich. Sie müssen mir helfen!”

„Aber gerne. Bron, Julis Bron, mein Name.”

„Cassie Sinclar. Nett, Sie kennen zu lernen, Julis. Auch wenn es nur für zehn Minuten ist.”

Der Kryotechniker zog mich davon. Ich konnte das Aufwachen kaum erwarten. Doch leider weckte mich nicht Julis’ Stimme.

„Hallo, Dornröschen! Sehen wir uns beim Commander Dinner?”

So fing die Reise gut an. Mit dem Gefühl, dass alle Körperteile eingeschlafen waren und gleichzeitig kribbelnd aufwachten. Und dann stand noch der kleine Dicke vor mir. Ich kletterte aus der Kammer und streckte meine fast Zweimeter. Julis entdeckte ich im Gespräch mit einer Blondine. Also ließ ich mich von Dickerchen zu meiner Kabine geleiten. Luxusklasse, Außendeck, Blick ins All.

Ich warf mich aufs Bett und überflog das Dossier. Morgen ging es nach Tau Boötis, dem Las Vegas des Alls. Überdimensionierte kitschige Bauten, Shows mit Girls, Boys und Aliens und den berühmten Zauberern. Nur eins fehlte – Alkohol!

Tau Boötis – hinter der Glitzerfassade vermutet Galaktopol einen Waffenschmugglerring, informierte mich das Dokument. Bisher blieben alle Razzien erfolglos. Unser Mann bei Galaktopol meint, dass die Zauberer während der Shows Waffen durch Wurmlöcher senden.

Heute ein Commander Dinner und morgen eine Holozaubershow. Meine Kehle sehnte sich nach einem Klaren, aber meinen Vorrat hatten sie konfisziert. Mit Todesverachtung las ich weiter. Die Bande, hinter der ich her war, hatte überall Finger oder Tentakel drin. Ohne moralische Skrupel belieferten sie beide Seiten eines Krieges mit Waffen. Den Burschen musste man dringend das Handwerk legen. Dafür nahm ich auch ein Commander Dinner in Kauf. Und wer weiß, vielleicht offenbarte sich mir der Galaktopolagent …

Keine Chance. Dickerchen klebte an meiner Seite und redete ohne Unterlass auf mich ein. Das Dinner stand ich in einem dumpfen Koma durch. Aus lauter Verzweifelung erklärte ich mich bereit, ihn nach Tau Boötis zu begleiten. Kurz nach dem Dessert hielt ich sein Geschwätz nicht mehr aus. Mir blieb nur die Flucht. Nach einem kleinen Schubs schüttete Dickerchen mir seinen Espresso auf mein wunderbares Kleid. Große Szene, erschrecktes Schreien, Ohrfeige und Empörung. Ich rauschte davon. Endlich Ruhe.

Tau Boötis entpuppte sich als meine persönliche Hölle. Dickerchen – „Nennen Sie mich Bert” – und seine Horde zogen mich von einem Touristennepp zum nächsten. Ein Showalien nach dem anderen schaukelte acht oder mehr Riesenbrüste vor meiner Nase, ein kitschiger Song nach dem nächsten folterte meine Ohren. Endlich führte unser Weg zu den Zauberern. Ich kam nicht einem ihrer Tricks auf die Spur. Wenn die Jungs Waffen verschoben, waren sie verdammt gut.

Nach dem Auftritt stürmte unsere Truppe hinter die Bühne. Autogramme sammeln. Dickerchen und die üblichen Verdächtigen, das blonde Partygirl, ein paar Omas. Keine Waffendeals in Sicht. Ich täuschte Kopfschmerzen vor und zog mich in meine Kabine zurück. Dort prügelte ich auf die Kissen ein. Der ganze Aufwand für nichts. Blöde Shows, Bert im Nacken, Julis nicht zu sehen und keine Spur von meiner Story.

Etwas nagte in meinem Hinterkopf, aber weigerte sich, nach vorne zu kommen. Gut, dann würde ich eben schlafen, dummerweise alleine. Alleine! Mein Stichwort. Senkrecht schoss ich hoch! Das war es! Wo hatte Julis den Nachmittag verbracht?

Ich sprang aus dem Bett und schlich zu Julis’ Kabine. Wenn alles schief ging, könnte ich Interesse an einem Abenteuer vortäuschen. Gerade noch rechtzeitig sprang ich zurück und entging einem Zusammenstoß. Dickerchen trieb Julis mit einer S-Pistole den Gang entlang. Bert! Bert hatte eine Pistole?

Ich zückte meine Laser-Wesson und folgte den Beiden in Richtung der Eventkinos. Bert schubste Julis in eine der Kabinen. Ich schlüpfte hinter beiden in den Raum und brüllte: „Waffe weg! Du hast keine Chance!”

„Oh, verdammt. Cassandra. Galaktopol warnte vor deinem Riesentalent, zur falschen Zeit am falschen Ort aufzutauchen. Aber das ist einfach nur lächerlich.”

Dickerchen schaute mich genervt an. Hmm, er wusste von Galaktopol. Das konnte ein Trick sein. Ich drohte mit der Wesson. Bert schubste seine Kanone zu mir herüber.

Julis schaute mich an: „Cassie, ich bin von Galaktopol.”

Beide Männer blickten mich an. Verdammt, verdammt, verdammt.

„Los, ihr beide an die Wand.” Ich fuchtelte mit dem Laser umher. Ich hatte die Waffe, ich hatte die Macht und ich hatte keine Ahnung, was ich machen sollte. Fieberhaft überlegte ich hin und her.

„Vielleicht sollte ich einfach Euch beide abknallen. Sicher ist sicher.”

„Oh, da hätte Simara sicher etwas dagegen”, Julis’ Grinsen war mehr als schmierig. „Sie steht mit gezogener Waffe hinter dir.”

„Der älteste Trick der Welt …” Für wie blöd hielt er mich?

„Nur für Dummköpfe. Lass den Laser fallen, dumme Trine.” Aus dem Augenwinkel sah ich das blonde Partygirl mit einem Laser auf mich zielen.

„Nix, wir haben Julis!” Lächelnd zielte ich auf ihn.

„Und?”, fragte Blondie gelangweilt.

Einem hellen Blitz folgte ein gellender Schrei, der abrupt abbrach. Ich hechtete in einer Rolle nach vorne. Im Abrollen warf ich Bert die zweite Waffe zu. Wieder standen wir uns zu dritt gegenüber. Blondie mit ihrem Laser, Bert und ich mit unseren Waffen. Kurz warf ich einen Blick auf Julis’ Überreste.

„Wie konnten Sie so etwas nur tun?” Ich kreischte auf und stürmte nach vorn.

Bert versuchte, mich aufzuhalten.

Blondie geriet in Rage und zappelte mit ihrer Waffe herum: „Los zurück, an die Wand!”

„Zwei gegen eine. Geben sie auf”, mischte Bert sich ein.

„Einen von euch kann ich immer noch mitnehmen. Ihr Guten opfert keine eigenen Leute.” Blondie zielte auf mich.

Bert und ich wechselten einen Blick. Simara hatte Recht: ich würde sein Leben nicht riskieren und er nicht meins. Sollte die Böse so einfach davonkommen? Seelenruhig spazierte sie zur Tür. Wo blieb die Kavallerie? Eine eiskalte Mörderin und Waffenschieberin durfte nicht davonkommen! Doch nein, die Tür öffnete sich. Grinsend wie die Cheshire-Katze feuerte Blondie unsere Richtung und hechtete mit elegantem Sprung durch das Schott.

„Wir sitzen fest. Das Sicherheitssystem blockiert die Tür für eine Stunde.” Bert konstatierte das Offensichtliche.

In einem alten Terra-Spionagefilm wären wir uns in die Arme gesunken. In den alten Filmen lagen jedoch nicht die dampfenden Reste eines Waffenschmugglers am Ort des Geschehens. Und das Paar begann die gemeinsame Zeit nicht damit, sich gegenseitig zu zerfleischen.

„Blondie wäre nicht entkommen, wenn du dich mir zu erkennen gegeben hättest!”, brüllte ich.

„Ich habe permanent versucht, dich alleine zu sprechen.” Bert schaukelte auf und ab wie ein Pandabär. „Du bist vor mir geflohen. Das hat man davon, wenn man Amateure mit ins Boot nimmt.”.

„Amateure!”, schnaubte ich. „Was hast du Super-Profi schon geleistet?”

Ich fiel dem Sicherheitsoffizier in die Arme, als er uns befreite. Die Story schickte ich an die Redaktion und erkämpfte mir zwei Wochen Strandurlaub auf Upsilon Andromedae als Belohnung.

Bert begab sich, immer noch wutschnaubend, auf die Suche nach Simara. Seine Chancen, Blondie zu erwischen, lagen bei eins zu tausend. Was interessierte es mich? Ich lag an den blauen Stränden von Upsilon Andromedae und schaute auf das purpurfarbene Meer. Jorgon, der Sicherheitsoffizier, der Bert und mich befreit hatte, holte Cocktails von der Bar. Bei uns war es Liebe auf den ersten Blick. Spontan entschloss Jorgon sich, meinen Urlaub zu teilen. Leider blieben uns nur noch zwei Tage Strand, bis mein Tracker seinen Geist aufgäbe. Dann würden wir Blondie suchen. Ich hatte ihr den Peilsender angehängt, als mein hysterisches Kreischen sie ablenkte. Und warum Galaktopol helfen, wenn ich meinem neuen Liebhaber eine Beförderung und mir die Story meines Lebens verschaffen könnte?

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Martin Loosli
„sonderfall normalität”

melilla!

flammendes orange über der stadt, dunkles türkis am himmel, dazwischen die transparenz des alls.

möven lachen schrill, umkurven das dach des hotels, meinen balkon. ich blicke auf ein vorchristliches festungsgemäuer, das in diesen jahren mit viel eurogeld rekonstruiert und renoviert wird. an dessen westseite, über die strasse, neue terrassenwohnbauten. auch sie eine festung, kein unbefugtes hineinkommen, hübsche schmiedeiserne zäune, die zufahrtstore aus stahlblech.

strassenlärm, später die ruhe der siestastunden.

erste spaziergänge ufern zu stadtwanderungen aus.

moslems, hindus, juden, christen: sie alle leben miteinander und aneinander vorbei, die hierarchie ist offensichtlich, am sonntag gehört die promenade den christen. doch dann, wochentags, überall kopftücher und burnusse, vierzigtausend marokkanische tagesaufenthalter strömen täglich hierher, ein teil fährt in überfüllten bussen ins zentrum, arbeitet als putzpersonal, kellner, handwerker, hilfsarbeiter. oder einfach als bettler, als strassenverkäufer. dazu kommen jene hundertschaften, welche die müllcontainer nach verwertbarem durchstöbern oder jene jugendlichen, die als autowascher wirken: während ihre europäischen altersgenossen sport treiben und eine ausbildung erhalten, hantieren sie mit lappen und schwamm, das wasser holen sie in grossen farbeimern aus öffentlichen brunnen.

melilla, spanische exklave auf afrikanischem kontinent, siebzigtausend menschen auf zwölf quadratkilometern: europas südgrenze. ein gewaltiger metallwall umgibt die stadt, die dichte maschendrahtanlage rastert die sicht kilometerweit, keine maus wechselt hier die seiten. elegantes silbernes ungetüm, das sich träge durch marokkos grüne hügel schlängelt. so würde man den zaun gerne beschreiben, trüge er nicht die gestik der zurückweisung in sich, die tragik der ausgrenzung.

melilla hatte seit je den charakter einer befestigungsanlage. höhlenartige schutzbauten für mönche und soldaten auf einem strategisch vorzüglich gelegenen felsen; erweiterungen über jahrhunderte, verfeinerungen, zeitlos, zielbestimmt. die machtkämpfe der kolonialisierung sind in vollem gange, spanien setzt auf zivilisation, ein beinahe kolossaler park entsteht, bedeutende architekten wirken im staub der militärparaden, bis der zweite weltkrieg sagt: schluss damit, soldaten brauchen keine klospülung. später radiowellen als nabelschnur zum generalstab in madrid, die festung weitet sich weiter aus, friedlich, doch kontinuierlich: kongress-türme in der hafenzone, feine architektur wiederum, man expandiert, man markiert, und seit dem schengen-abkommen sind ultralicht und laserblitz mit im spiel. der kolonialismus, nun brüsselbestimmt, hatte gar nie die absicht, sich zurückzubilden.

draussen vor der stadt eine hochebene, kasernen, ein altes fort, ein pinienwäldchen im naturschutzgebiet. der taxifahrer, der mich hinbringt und stunden später abholt, heisst nurdin. er ist jung und freundlich, arabische melillanerfamile seit generationen. ich durchlöchere ihn gnadenlos mit fragen, wir schwatzen über religion und toleranz, über armut und globalisierung. und über grenzen. über überwindbare, fiktive, vorurteilshafte; über eigene und angeeignete. er gibt sich mühe, sich einfach auszudrücken, fährt mich an orte, die ich ohne ihn nicht entdeckt hätte.

er persönlich, beginnt er, habe eine völlig andere einstellung zur religion als zum beispiel sein vater. sie hätten deswegen oft meinungsverschiedenheiten. er trage auch keinen bart und seine mutter habe kaum je ein kopftuch getragen, er verstehe den wirbel um diese äusserlichkeiten nicht. zudem findet er die vielen glaubensrichtungen übertrieben; die wörter „sekten” und „fanatismus” fallen.

es ist wahr, sagt er, wir produzieren nichts. militär, öffentliche verwaltung, banken, dienstleistungen. zollbeamte, sicherheitsspezialisten. man verdient hier ein drittel mehr als auf dem festland. weil man wie abgeschnitten lebt? – „ja”, sagt er, „irgendwie. wir sind eine art vorposten, wir exponieren uns!”

jetzt, da ich dies schreibe, denke ich an die parlamentarische dreierdelegation des deutschen bundestages, die in melilla weilte. gespräche mit zoll und verteidigung, orientierung in sachen südliche eurogrenzen, überblick und zusammenfassung: so will es die tagesordnung. ich hatte, sufistisch gesehen, an diesem vormittag die bestimmung, mich mit meinem künstlerausweis an der wache des parlamentsgebäudes vorbeizumogeln und im journalistengros fotos schiessen zu dürfen, schnurrbärte über weissen zähnen. die gespräche, denke ich, werden die migration berührt haben, und auch die einwüstung der sahelzone könnte ein thema gewesen sein, ebenfalls die televisionistischen verlockungen, die den leicht- bis schwerstverzweifelten aller afrikanischen entwicklungsstufen aufgedrängt werden. die delegation, heisst es, wird anderntags nach casablanca reisen, dort wird es um den wert einer nachbarschaftlichen dienstleistung gehen: um geld.

ich stehe im pinienwald und schaue durch den zaun nach marokko. armeegruppenzelte, verschwommen. zu den hügeln hin ausgetretene pfade, soldaten in freizeitanzügen. ihnen ist der mond näher als jede disco. diesseits kein mensch. ich knipse, wandere, knipse, erschrecke einen wachhund aufs tiefste und grüsse die „guardia civil” aufs freundlichste. jegliches fotografieren ist verboten, bestätigt mir zwei tage später manuel carnera, der direktor der staatlichen kunstschule: „normalerweise geht’s ab in die stadt, zu irgendeiner registratur”.

„einst”, sagt nordin, „verband eine bahnlinie die beiden länder. sie führte von den benachbarten marokkanischen eisenerzminen nach melilla, das erz wurde nach europa exportiert. sogar passagierverkehr gab es, doch er wurde um 1980 eingestellt. bis dahin war die grenzsituation normal, die überquerung der grenze, heute auf einen punkt beschränkt, war praktisch überall möglich. doch dann kam die globalisierung, der schengen-vertrag, die flüchtlinge aus schwarzafrika”.

marokko anerkennt melilla nicht als spanisches gebiet. deshalb gibt es für marokkaner keinerlei zollabfertigung. ein teil des menschenflusses, der täglich das nadelör des grenzdurchlasses quert, belädt sich in den nahen spanischen lagerhallen mit waren aus europa und aus billigasien und marschiert ungehindert zurück. technische geräte und medikamente finden so den weg nach süden, je weiter entfernt desto teurer, bis sie nur noch einer oberschicht zugänglich sind. umgekehrt fliesst alles, was aus der erde kommt, richtung norden. gemüse und kartoffeln, korn und früchte. plus haschisch, ballenweise.

das stadtzentrum ist voll mit banken und apotheken. unweit davon der platz der kulturen, gelber granit aus marokko, er ist zugleich das dach einer riesigen autoeinstellhalle. und sonst? keine nabelfreiheiten, kaum rasta-frisuren. vor dem club marítimo verhaltene hipphopp-tänze, freitagabends auf dem asphaltlaufsteg crysler- und hummer-modelle. gute bibliothek, ein militärmuseum, ein mausoleum, das niemand kennt und ein kino mit vereinzelten vorführungen. der christliche friedhof befindet sich hinter einer hügelkuppe an einem terrassenhang, er stösst an die städtische müllverbrennungsanlage. kultur der enge. ein konzert mit gastmusikerinnen des chinesischen nationalorchesters findet in einem gemütlichen theatersaal statt. zweihundertfünfzig plätze, ein teil bleibt leer.

melilla?

die stadt ist ein dorf geblieben, jeder kennt jeden. ein gefängnis letztlich? keineswegs. der euro verfügt über zauberkraft, damit ist man übers wochenende an marokkos sandstränden kaiser und königin zugleich. fernsehen, fun, vierradantrieb. wem das zu eng ist oder wer studieren will, zieht aufs „festland”. die anderen bleiben da, stolz auf ihren stolz. todo por la patria, alles fürs vaterland. für ein vaterland, das europa heisst und sich in afrika befindet.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Carlo Michel
Der Bruder

Mein Bruder kam letztes Jahr von einer langen Afrikareise über Kleinasien wieder zurück nach Europa. Jedenfalls bis Athen. Ich war damals auch in Griechenland. In der Hauptstadt ging ich gerade über einen Wochenmarkt, als ich ihn – nach mehr als zehn Jahren – plötzlich vor mir sah. Das Blut in meinen Adern stand still. Ich war wie gelähmt und fühlte mich handlungsunfähig. Aber zum Handeln war es sowieso zu spät. Mein Bruder konnte nichts mehr klar wahrnehmen. Auch mich erkannte er nicht mehr. Zu meinem grossen Erstaunen war er noch am Leben, und doch glich er eher einem Toten. Zusammengesunken sass er auf der grauen Eingangstreppe eines unscheinbaren Hauses, direkt hinter dem Gemüsestand, bei dem ich einkaufen wollte. Er trug ein schwarzes Stück Stoff, das abgenutzt und staubig an seinem dürren, knochigen Körper hing und kaum als Kleidungsstück bezeichnet werden konnte. Von seinem Kopf fiel schulterlanges, verfilztes Haar herab. Die Strähnen waren grau, wie diejenigen eines alten Mannes. Immer wieder machte er sich mit der Hand darin zu schaffen.

Vor sich auf dem Boden hatte mein Bruder eine alte, vergilbte Plastiktüte liegen, in der sich einige hundert Drachmen befanden. So sass er also da, zupfte unaufhörlich an seinen Haarknoten und bemühte sich, diese aufzulösen. Gleichzeitig versuchte er mit der anderen Hand das armselige Bündel Banknoten in seinem Plastiksack zu zählen. Auch mit dieser Tätigkeit schien er allerdings nicht recht voranzukommen. Beinahe zwanghaft begann er ständig von neuem mit dem Abzählen. Er schien die Währung des Geldes nicht mehr zu kennen, und so war ihm wohl auch der Wert seiner mageren Sammlung unbekannt. Die Inflation der letzten Jahre war offensichtlich unbemerkt an ihm vorbeigegangen, genauso wie die Einführung der neuen Währung, obwohl ihm hin und wieder jemand zwei oder drei der neuen Münzen hinlegte. Allerdings bettelte er nicht wirklich. Jedenfalls nicht mehr. Sein Geist war bereits so abwesend, dass er dazu gar nicht mehr in der Lage war. Früher war er jeweils noch gezielt zum Markt gegangen, um dort nach ein paar Drachmen für die Rückreise nach Mitteleuropa zu fragen. Aber jetzt wusste er gar nichts mehr von einer Reise. Und auch nichts mehr von Europa. Immer und immer wieder zählte er ungläubig seine Scheine, und dabei hatte er längst vergessen, wozu er sie gebrauchen wollte. Seit Jahren lebte er im Bahnhofsviertel, ähnlich wie ein Tier, allerdings wie ein Wesen ohne Instinkte, das längst schon krepiert wäre, hätten ihm nicht ein paar alte Frauen in der Strasse hin und wieder ein Brot oder sonst etwas Essbares hingelegt. Denn auch zum Einkaufen war er nicht mehr in der Lage. Tag für Tag sass er in einem dermassen bedauerlichen Zustand in den Strassen, dass selbst die Polizei von seiner Harmlosigkeit überzeugt war und ihn links liegen liess.

Wahrscheinlich war es so, dass auch die Ordnungshüter nicht wagten, näher an ihn und sein erbärmliches Schicksal heranzutreten. Trinkwasser fand er am Brunnen in einer nahegelegenen kleinen Parkanlage. Als Klo diente ihm eine unbenutzte alte Baugrube, in welcher seit Jahren verschiedenes Buschwerk und junge Eschen wucherten. Und nachts verzog er sich jeweils in sein Loch, in den alten Keller einer seit Jahren leerstehenden Hausruine, den er in besseren Tagen mit alten Kartonschachteln ausstaffiert hatte.

Wie gesagt, ich war völlig schockiert, als ich meinen Bruder hinter dem hochaufgetürmten Tomatenberg des Marktstandes sitzen sah. Ich beobachtete ihn von Weitem, brachte es aber nicht fertig, zu ihm hinzugehen und mit ihm zu reden. Ausserdem hatte ich ja meine Fahrkarte für die Weiterreise in der Tasche. Also wandte ich mich langsam ab, bog um die Ecke zum Bahnhof und nahm den Zug nach Korinth. Es trieb mich mächtig und definitiv weiter, denn ich bin der Reisende.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Rolf M. Moenikes
Die Treppe, die ein Traum sein muss – Curzio Malapartes metaphysische Villa auf Capri

Sollte es die Treppe gewesen sein? Die Treppe aus Jean-Luc Godards Cinéasten Kultfilm „Die Verachtung” („Le Mépris”, aus dem Jahr 1963, nach dem Roman von Alberto Moravia)? Die Treppe, auf der Michel Piccoli und Brigitte Bardot heruntergeschritten kamen?

Eine rote Steintreppe unter einem blauen Himmel. Eine Treppe am Meer oder sogar über dem Meer. Eine sich nach oben verbreiternde Treppe, auf das Dach eines roten Hauses führend wie auf ein Tempelpodest. Eine Treppe auf Capri. Sollte ich dieser Treppe wegen also nach Capri gekommen sein? Eine Treppe, die vielleicht nur in der Phantasie eines Chinemascope Regisseurs existierte, nur Kulisse war, eine Papptreppe nur, eine Traumtreppe, surrealistisch, unwirklich, ein Kunstprodukt? Vielleicht aber hatte ich deswegen Capri jahrelang gemieden, weil ich doch Angst vor der Enttäuschung hatte – sollte es dann diese Treppe gewesen sein, die ich schon vergessen hatte, weil ich nicht mehr an sie glaubte? Wieder ein Abenteuer weniger, damit muss man sich abfinden.

Die Treppe wollte ich niemals finden. Weil ich niemals wissen wollte, dass es sie wirklich gibt. Ich wolle die Wirklichkeit nicht.

Nun scheint Capri, diese touristenzertretene Felsinsel im Golf von Neapel, dieser Romantikflecken auf einer immer enger werdenden Landkarte, tatsächlich voller Wege und Treppen zu stecken, die irgendwie alle geheimnisvoll und verboten sind. Aber die Treppe, die Brigitte Bardot herabgeschritten war, in einem gelben Bademantel gehüllt, darunter nackt, die rote Treppe unter der blonden Lichtmähne der BB, aggressiv und explosiv, herausfordernd unwirklich, diese rote Treppe würde es wohl doch nicht geben, es konnte sie einfach nicht geben. Und doch gibt es sie – es ist eine verbotene Treppe, und die Villa, zu deren Flachdach diese Treppe hinaufführt, diese unbewohnte, menschenverlassene Dichtervilla, ist auch verboten, und die Wege dorthin auch.

Sollte es also die Treppe gewesen sein, die aus einem Müßiggänger, der sich in den heißesten Mittelmeerecken vom Scirocco und seinen windigen Brüdern austrocknen ließ, auf verlorenen Eilanden wie Salina, Lampedusa oder Gavdos hängen blieb, einen Fanatiker des Aufspürens und Beweisenmüssens macht, einen Tatmenschen, der ein Ergebnis liefern muss?

Es war die Treppe. Es war die Treppe, die ich, als ich sie entdeckt hatte, nicht wahrhaben wollte, nicht konnte. Es war eine Unwirklichkeit, dieses seltsame rote Gebäude da unten auf dem Felsen. Diese rote Villa über dem blauen Meer, und darüber wie ein Hahnenkamm, der Rücken des Gebäudes, die Treppe – breit, sich nach oben noch verbreiternd, auf das Flachdach führend, von dort herabfließend – die Treppe der Unwirklichkeit. Aber sie war es, sie ist es, es musste sie sein, es konnte nur sie sein. Die Unwirklichkeit, so wie ich sie immer haben wollte, war Wirklichkeit geworden. Die CASA MALAPARTE scheint unerreichbar und doch so nah. Aber nichts ist Schein. Alles ist Wirklichkeit. Die Unerreichbarkeit und die Nähe.

Alle Wege zu diesem geheimnisvollen, ja unheimlichen Gebäude, enden im Verbot, sind versperrt, verrammelt, verriegelt – PROPRIETA PRIVATA DIVIETO DI ACCESSO.

Der italienische Schriftsteller Curzio Malaparte (1898-1957), Sohn eines Deutschen, den viele, bestimmt sehr viele, als exzentrisch, unbequem und verrückt bezeichneten (seine berüchtigten Romane „Kaputt” Und „Die Haut” sind auch auf Deutsch erschienen), mal war er Abenteurer, Journalist, Schriftsteller, Politikbessesener, mal nur Selbstdarsteller, ließ sich Ende der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts dieses ungewöhnliche Haus auf der Punta del Massullo, dem Kap Massullo, in einer der wildesten, unzugänglichsten Ecken Capris erbauen. UNA CASA COME ME, so nannte er das ungewöhnliche Haus, „ein Haus wie ich selbst – traurig, hart und streng.”

Seine Weltanschauung, seine Weltverachtung, seine Einsamkeit, sein besonderes Dasein in dieser Welt, die nichts mehr Besonderes zu bieten hatte – ein Schock, was sonst, Wirklichkeit geworden in diesem Haus – und unwirklich, fremd, abweisend, einsam, auf dem Sprung ins Nichts, nur den Elementen ausgeliefert – eine Kultstätte.

Nur ein „Verrückter” würde sich hier Wohlfühlen können, nur einer wie Curzio Malaparte, an diesem Ort, der nur „für starke Männer, für freie Geister geeignet ist”, wie er 1940 feststellte, in diesem Haus, „traurig, hart und streng”.

Ungewöhnlich wie die Lage, 25 Meter direkt über dem Meer, das dieses Phantasienest von drei Seiten umgibt, fast unzugänglich macht, sollte der Bau überhaupt werden – und ungewöhnlich ist beides bis heute geblieben, die Lage, der Bau, dazugekommen ist noch die Farbe. Was davon ist eigentlich herausfordernder oder geheimnisvoller – was davon lässt den Kopf mehr schütteln, den Blick festsaugen? Vielleicht alles und doch nichts davon, vielleicht bleibt nur die Farbe übrig, weil sie so anders ist als die Umgebung, dieser schreiende Klecks unter den weißen Felswänden und über dem blauen Meer – wenn nicht die Treppe wäre, diese hinaus- und hinunterfließende, diese Himmelstreppe, diese Aztekentempeltreppe, ochsenblutrot wie das ganze Gebäude – die Bardottreppe.

Nie würde ich über sie gehen können, nicht hinaufsteigen, nicht herabschreiten. Nie würde ich auf das weite Flachdach gelangen, auf dem Malaparte seine Radrunden drehte, mich über den Rand zum Meer hinabbeugen, von den Möwen beschreien lassen, hinüber an die Küste von Sorrent und Amalfi, zu den nahen Faraglioni Felsen, dem Wohnort der geheimnisvollen blauen Eidechse. „Ich habe die Landschaft entworfen”, hatte Malaparte zu einem Besucher gesagt – und alle mussten ihm Recht geben, Politiker, Dichter und Schriftsteller, Philosophen… Träumer und Realisten.

Nie würde ich dieses weiße, gemauerte Sonnensegel auf dem Dach berühren können, mich dagegen lehnen können wie die BB, mich auf dem Dach ausstrecken können wie Brigitte, die dort ihre blonde Haarpracht vom Licht der hier alles beherrschenden Sonne bleichen ließ. Und selbstverständlich würde ich niemals ins Innere dieses geheimnisvollen metaphysischen Hauses gelangen. Nichts darin könnte ich jemals bewundern, den 8 mal 15 Meter großen Salon zum Beispiel, mit seinen vier schon riesigen Fenstern, die diesen karg möblierten Raum Teil der Landschaft werden lassen – Malapartes Landschaft, Felsen und Meer wie greifbar, mehr drinnen wie draußen. Das Arbeitszimmer, von dessen mittlerem Fenster aus das offene Meer zu sehen ist, die Bücherborde, Kamine, all das, was Malaparte in seinem Testament der Volksrepublik China vermachte, ein letzter exzentrischer Spaß von ihm, nie aber nach China gelangte, sondern so blieb wie es war. Manchmal ist es für Architekturtagungsteilnehmer und Dichter zugänglich, für Geheimbündler, die sich hier in ihrer Zurückgezogenheit vielleicht nur von einer neuen Bardot stören lassen. Ja, auf die könnten sie warten, die wie die Bardot der 60er Jahre die Treppe herunterkäme, diese unerreichbaren 32 Stufen.

Sterneglitzerndes Wasser, Eidechsenlandschaft, die Sucht nach dem Unerreichbaren wird unerträglich… Es macht krank, an dieses Haus nicht heranzukommen, kränker als der Hubschrauber, der plötzlich in der Luft steht, über dem Dach, bewegungslos… kränker als die Schnellboote, die um das Kap jagen, Hundegebell in der Landschaft, Beobachter hinter den Büschen, die Fallen, die auf den Eindringling warten… Das rote Haus dort unten ist ein Haus der Mysterien, eigenwillig, scheinbar steif und doch vollkommen lebendig, wie ein geducktes Ungeheuer schiebt es sich hinaus in das pralle Blau aus Himmel und Meer, durchbricht eine Wand wie eine Schallmauer… ja, es ist ein Knall inmitten einer lauernden Atmosphäre der Vorsicht.

Unverschämt, herausfordernd, einsam, furchtbar einsam, höhnisch prahlt es sich mit seiner Einsamkeit und schickt alle neugierigen Touristen weg. Weiter sollen sie gehen, nicht um das Schicksal der roten Villa sollen sie sich kümmern. Es ist ein verbotenes Haus, dessen Dach, dessen Treppe wie eine verzerrte Bühne auf selbstmörderische Akteure wartet, die dort wie in einer Selbsttäuschung herumspazieren.

Plötzlich tanzt eine Gestalt übers Dach, unglaublich, eine Täuschung, ein Faun, schwarz, ganz schwarz gekleidet, blonde Haare – eine Frau. Eine zweite. Gestalt kommt die Treppe hochgelaufen, fotografiert die Tanzende. Es geht alles sehr schnell, beide tanzen, rennen, springen, die Treppe `runter, um das Haus herum, fotografieren.

„Du musst es dir einbilden, dass du auf dem Haus bist, auf dem Dach der CASA MALAPARTE, und wenn du dort bist, dann sagst du dir, nein, das kann nicht wahr sein, ich bin es nicht wirklich, und ich bin nicht hier”, erzählen mir die beiden, Christina und Anna, am Abend in der „Bar Faro” in Anacapri, „wir waren also nicht dort, es ist eine Täuschung, wenn du annimmst, du hättest uns gesehen, es waren nicht wir, es war niemand. Es kann nicht so gewesen sein, es ist deine Überzeugung, so wie es deine Überzeugung ist, dass diese Treppe nicht die Bardottreppe sein kann… es gibt sie gar nicht. Es ist ein Traum.” Dann lebe ich eben den Traum.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Siavash Sartipi
Das Trinkgeld – Ein Tag im Leben eines Fremdenführers

„Und hier an der Hauptwache, Mesdames et Messieurs, werden Sie das letzte Wort über Frankfurt hören,” sagte der junge Fremdenführer, Assadollah Moussavi, der selbst für seine Kollegen noch als Fremder galt und den sie, wie seine Freunde, einfach Assad nannten, ohne Allah, vor circa zwanzig Franzosen, die ausschließlich Senioren waren.
Es war ein sonniger Freitagsvormittag im April. Der Krieg war beendet, 13 Millionen Deutsche hatten schon das Finale des Musikdramas erlebt, nach dem die Fans jeden Abend gegrölt und geschrien, getrampelt und geheult hatten. Dieter Bohlen, der zum Volksheld aufgestiegen war, hatte verkündet, er sei dankbar, dass die Nation endlich gemerkt habe, was für ein nettes Kerlchen er sei.

Assad Moussavi, der mit dem Anfang der neuen Saison völlig zufrieden war, und sich wegen des Lungen-Virus Sars keine Sorgen machte, hatte seine Gruppe zwei Stunden lang durch Frankfurt geführt. Alle sahen müde aus, als sie vor der Café an der Hauptwache standen.
Assad erwähnte das letzte Wort, damit die Teilnehmer rechtzeitig Bescheid wussten, dass die Tour gleich zu Ende ging und sie in die Tasche greifen sollten. Im Lauf der Zeit hatte er bemerkt, dass sie ein paar Minuten brauchten, um nach Kleingeld zu suchen. Wenn die Führung abrupt zu Ende ging, verzichteten viele Teilnehmer darauf, Trinkgeld zu geben.
Assad erzählte eifrig und in fließendem Französisch die Geschichte des Cafés an der Hauptwache, auf dessen Terrasse gerade viele Menschen saßen, erklärte, wie wichtig die Einkaufsstraße Zeil als centre de commerce in ganz Deutschland sei, und bedankte sich bei der Gruppe für die Aufmerksamkeit.
Als er aber bemerkte, dass kein Teilnehmer mit Trinkgeld reagierte, erklärte er sich bereit, der Gruppe den Rückweg zum Schiff am Mainufer zu zeigen. „Tout droit, simplement. Gehen Sie über die Straße, dann laufen Sie die Straße dort entlang, die Straße neben der Kirche – Apropos,” unterbrach er sich selbst „das ist die erste evangelische Kirche Frankfurts, aus dem siebzehnten Jahrhundert.” Und als er sah, dass ein paar Teilnehmer sich dafür interessierten, erzählte er ziemlich ausführlich über die Reformation in Frankfurt, erklärte, was für eine wichtige Rolle der Liberalismus dieser Stadt in ihrer Entwicklung zu einem Finanzzentrum gespielt hatte, und verglich Frankfurt, unter diesem Aspekt, mit der Stadt Mainz.
Assad war dabei, den Vergleich zu erweitern und auch die Stadt Köln zu erwähnen, als ein Teilnehmerin die erste Euromünze in seine rechte Hand drückte, c’est gentil Madame, merci, und ein Mann, ein paar kleine und größere Münzen, je vous remercie, Monsieur.
Sofort begann er, die schwarze Mappe mit den Bildern der Kaiser und Hochhäuser ziemlich ungeschickt in seine Schultertasche zu stecken, damit seine linke Hand auch frei wurde, denn gleich darauf flossen die Münze.
Die alte Französin, mit kurzen, perlweißen Haaren und kleinen goldenen Ohrringen, die sich während des Rundgangs mit Assad unterhalten und ihn nach seiner Herkunft gefragt hatte, näherte sich ihm als letzter Gast, gab ihm einen Zehneuro Schein, und sagte, „Ich hoffe, dass Ihrem Vater nichts Schlimmes passiert ist. Amerikaner machen, was sie wollen. Ich habe es auch erlebt. Ja, ich habe gesehen, wie die Bomben fielen. Ich war damals noch ein kleines Mädchen, viel jünger als Sie heute. Ich sollte auch meine Heimat verlassen.” Assad vermied den Blick der alten Französin, als sie redete. „Sie werden aber bestimmt von Ihrem Vater hören.”
„Man kann nichts machen,” erwiderte Assad, „außer abwarten.”
„Gott wird Ihnen helfen,” sagte sie. „Bald werden Sie Baghdad wieder sehen.”

So ist das also, dachte Assad, als er auf der Terrasse des Cafés an der Hauptwache saß und ein Bier bestellte. Es funktionierte. Er hatte heute drei Fünfeuroscheine und einen Zehneuroschein bekommen, was nicht üblich war. Man hatte immer bei Rheingau-Touren viel Trinkgeld erhalten, aber nicht bei zweistündigen Rundgängen durch die Stadt. Sein Trinkgeld war sogar mehr als sein Honorar. Er schätzte seine Zusatzeinnahmen auf vierzig Euro.
Assad trank einen großen Schluck Bier, und drehte sich dann eine Zigarette. Er fühlte sich von einer tiefen Traurigkeit überwältigt. Das Mitleid, die Solidarität, und die Sympathie in den Blicken, denen er auszuweichen versucht hatte, aber auch die Art, wie die Touristen ihn gelobt hatten, berührten ihn sehr. Er fühlte sich von unbekannten Gefühlen mitgerissen und sah sich nicht in der Lage, dagegen anzukämpfen.

In einer Stunde sollte er eine englischsprachige Führung machen. Die Gruppe, so hatte man ihm mitgeteilt, bestand aus dreiunddreißig Amerikanern, sowie einer Reiseleiterin, die er auf dem Römerberg treffen sollte. Das Ende der Tour sollte wieder an der Hauptwache sein.
Assad trank sein Bier aus, zahlte, gab einen Euro Trinkgeld, was ihm nicht ganz leicht fiel, und trat vor die Tür. Unentschlossen blieb er noch einen Moment vor dem Café stehen. Dann ging er zu einer gleich um die Ecke gelegenen Buchhandlung.

Auf dem Weg zählte Assad die Führungen des Monats: über zehn Führungen, bei einer Firma, insgesamt mehr als zwanzig.
Nach zahllosen Führungen konnte er es immer noch nicht fassen, dass es ihm finanziell ziemlich gut ging. Welchen Stundenlohn hatte er damals in Marburg für Gartenarbeit bekommen? Sechs Euro waren es wohl. Dann dieser Portierjob im Hotel Paradise am Hauptbahnhof, umgeben von Bordellen. Nachtschicht. Von elf Uhr abends bis sieben Uhr am Morgen. Für weniger als sechs Euro in der Stunde, und er hatte damals immer daran denken müssen, während er als Portier arbeitete, alle um ihn herum gerade fickten, insbesondere diejenigen, die das Zimmer nur für zwei Stunden gebucht hatten. Wie oft hatte er hinter den Zimmertüren in verschiedenen Etagen des Hotels onaniert. Jedes Mal, wenn er die Treppe des Bordells rauf- und runterlief, schoss ihm immer dieser Gedanke durch den Kopf, dass er alles, was er in einer Nacht verdient hatte, ausgeben müsste, wenn er fünfzehn Minuten ficken wollte. Und jetzt, mit dem Trinkgeld von einer einzigen Gruppe, könnte er sich über halbe Stunde ficken leisten.

In der Buchhandlung nahm sich Assad den Roman einer deutschen Autorin über afghanische Frauen aus dem Regal und setzte sich, um darin zu lesen, auf das rote, U-förmige Ledersofa in derselben Etage.
Während Assad den Roman durchblätterte, fragte er sich, „Warum erzähle ich nicht meine eigene Geschichte? Was wissen diese Europäer über Moslems? Sie erzählen unsere Geschichte, schreiben Bestseller, und was mache ich? Wie ein Dummkopf erzähle hier den Amerikanern und Franzosen was für eine Scheiße irgendein Kaiser gebaut hat, ob Goethe es in Wetzlar geschafft hat, Charlotte flachzulegen oder nicht, und wie hoch die Deutsche Bank ist. Scheißegal, wie hoch das Gebäude der Deutschen Bank ist. Ich sollte jetzt im Iraq sein, im Iran, oder in Afghanistan, in Tschetschenien.”
Sein Blick war noch auf einer Seite des Buches hängen geblieben.
Er ließ das Buch auf dem Sofa zurück, aß schnell ein belegtes Brötchen im Café der Buchhandlung, und machte sich auf dem Weg zum Treffpunkt mit der nächsten Gruppe in der Altstadt.

Vor dem Touristen-Informationsstand am Rathaus wartete auch Ellena, eine Kollegin.
Die Tische der Restaurants auf beiden Seite des Römers waren besetzt. Viele Touristen gingen einfach vorbei, schlugen verschiedene Richtungen ein, einige blieben stehen und fotografierten sich gegenseitig. Auf dem Platz waren mehrere asiatische Gruppen und eine Schulklasse. Die Lehrerin zeigte gerade auf das Rathaus und erklärte etwas.
„Hallihallo,” sagte Assad, „Hast du Führung?”
„Spanische. Du auch?”
„Amis. Senioren.”
„Ach du Ärmster!” sagte Ellena.
„Wieso! Senioren sind am besten. Sie verzeihen dir deine Fehler und geben immer Trinkgeld. Ich mag die Menschen mit Vergangenheit. Weißt du, was mich einer letzte Woche in Aschaffenburg gefragt hat? Where is the castle?
„Ne! Er hat das vielleicht ironisch gemeint.”
„Nein. Habe das auch zuerst gedacht, aber er meinte es ernst. Where is the castle? Ich hatte es zweimal im Bus erwähnt.”
„War sicher eingeschlafen,” sagte Ellena.
„Das konnte er aber auch selber sehen. Es gibt doch nur ein castle in Aschaffenburg. Er hat aber fünf Euro Trinkgeld gegeben.”
„Mike hatte auch eine amerikanische Gruppe,” sagte Ellena. „Eine Stunde Führung im Goethehaus. Stell dir das mal vor.”
„Studenten?”
„Nein, Senioren. Sie fragten: Wer ist Goethe überhaupt? Verrückt, oder.”
„Gut, dass sie gefragt haben.”
Sie schwiegen kurz.
„Hast du viel zu tun?” wollte Ellena wissen.
„Heute zwei. Der März ist ganz gut gelaufen, viele Rheingau-Touren. Mainz war auch gut. Für zwei Stunden in Mainz bekommst du mehr als hier.”
„Ich dachte wegen des Krieges kommen nicht viele.”
„Das dachte ich auch, es ist aber wie letztes Jahr.”
„Kommen eigentlich viele deiner Landsleute?”
„Meinst du die Deutschen?”
„Assad!”
„Ich bin doch seit Jahren hier. Hier in diesem Land und-”
„Ich meinte Iraner,” sagte Ellena.
„Für Iraner mache ich keine Führung mehr. Bei Moslems kannst du das Trinkgeld vergessen. Die aus Philippinien sind gut. Sie geben immer was. Indonesier auch.”
„Du rauchst wieder. Du hattest doch aufgehört.”
„Das war nur eine Pause.”
„Sag mal, Assad, waren die Polizisten wirklich bei dir? Mike hat es mir erzählt.”
Assad schaute auf seine Uhr. Die Gruppe hatte Verspätung. „Pass auf, wenn du über Amis schlecht redest, klopfen sie auch bei dir an.”
„Hast du was schlechtes über Bush gesagt?”
„Sie wußten genau, was ich gesagt hatte. Wort für Wort.”
„Waren sie bei dir?”
„Sie waren zuerst bei meinem Vermieter. Ich war nicht zu Hause. Dann haben sie Christian gefragt, ob ich da wohne und haben eine Telefonnummer hinterlassen und Christian gesagt, dass ich mich zurückmelden sollte.”
„In der WG?”
„Ja. Ich habe angerufen. Sie wußten genau–”
„Was hattest du gesagt?”
„Dass Khomeini dem Westen eine Migräne bereitet hat und ich mich darüber freue.”
„Aber der ist doch tot.”
„Findest du! Ich meinte dieser Fatwa gegen Rushdie. Und dass ich gesagt habe, Mohammad Atta war kein Feigling, und man kann die Attacke auf das World Trade Center wie ein Kunstwerk betrachten. Und dass ich für die Opfer nichts empfinde, dass ich kein Mitgefühl habe.”
„Das ist aber hart, Assad. Hast du wirklich–”
„Ja klar.”
„Nein!”
„Doch. Ist es strafbar, kein Mitgefühl zu haben!”
„Das nicht, aber wie kannst du so was sagen. Natürlich wirst du verdächtig. Ich bin eine Kollegin, Assad, ich kenne dich, aber wenn man dich nicht kennt–”
„Dann bin ich ein Fremder, ein Moslem, ein Schläfer.”
„Ja. Sei jetzt nicht beleidigt, wenn–”
„Ich bin nicht beleidigt. Was du gerade–”
„Aber, Assad, wenn du so was sagst-”
„Ellena,” sagte Assad, „Ich bin Asylant hier, weil ich von Islamisten verfolgt wurde, und jetzt werde ich wieder überwacht, kontrolliert. Warum? Weil ich einfach nichts für Opfer empfinde.”
„Du hast aber gesagt –”
„Ich habe aber gesagt! Was habe ich gesagt? Ich kann sagen, was ich will. Oder, habe ich eine falsche Vorstellung von Freiheit? Außerdem, alles, was ich gesagt habe, sind nur Zitate.”
„Wie?”
„Was wie! Ich habe nur wiederholt, was Genet, Sontag und die anderen geschrieben haben.”
„Du glaubst also nicht daran?” fragte Ellena.
„Natürlich glaube ich daran.”
„Hat Sontag wirklich gesagt, dass sie kein Mitgefühl hat?”
„Das ist kein Zitat.”
„Also!”
„Also was! Muss ich die Klappe halten, weil ich Moslem bin und deshalb ein Terrorist? Ja, ich bewundere, was Atta und die anderen gemacht haben. Wir leben wieder in einer Zeit der großen Taten, es ist nicht mehr langweilig.”
„Assad!”
„Oui, Madame!”
„Ne,” sagte Ellena vor sich hin und schüttelte den Kopf, „ich kann das nicht verstehen.” Dann wandte sie sich Assad zu, ohne ihn anzuschauen. „Es geht um das Leben von tausenden unschuldigen Menschen, Assad, die morgens aufstanden, sich von ihren Kindern verabschiedeten und in einer Stunde starben, Tausende – unschuldige – Menschen.”
Assad warf den Stummel seiner Zigarette auf den Boden, blickte flüchtig auf Ellenas extrem schmale Lippen mit blondem Oberlippenbart, und schaute wieder weg.
Er sah die Amerikaner, die vom Fahrtor kamen und wahrscheinlich am Mainufer ausgestiegen waren. Sich am Römer umschauend gingen sie, sehr langsam, an der Statue Karls des Großen vorbei. „Sie kommen,” sagte Assad. Er setzte an, ihnen entgegenzulaufen. „Übrigens, bleib nicht lange hier stehen, Ellena. Das Rathaus ist renovierungsbedürftig, sonst stürzt es bald ein.”
Ellena lächelte verkniffen.
„Kein Witz. Die Fassade wird bald abplatzen. Es gibt Luftblasen unter dem Putz. Und zwischen den Keramikmosaiken und dem Untergrund fehlt die Verbindung, genau da wo du gerade stehst. Nächstes Mal sollten wir uns vor der Justitia treffen, unter freiem Himmel.”
Während er vor dem Gerechtigkeitsbrunnen wartete, bis die Amerikaner näher kamen, gingen ihm verschiedene Gedanken durch den Kopf. Mitgefühl, dachte er wütend. Nein Ellena, du wirst das nie verstehen. Wo war dein menschliches Mitgefühl, als über eine Million im Krieg starben, du warst irgendwo in Ibiza, Mallorca, verliebt in einen Beachboy, hast die ganze Nacht getanzt und gebumst, bis zum Morgen, dachte er, was hast du empfunden, als ich in Teheran die Bomben zählte, die dein Vater, dein Bruder verkauft hatten? Nein, du wirst das nie verstehen, du hast ein halbes Jahr lang, bis zum Ende unseren Ausbildung, nicht kapiert, ob ich Iraker bin oder Iraner, aber du weißt, wie hoch das World Trade Center war, dachte er.

„You are the Guide.” Die Gruppenleiterin schüttelte ihm die Hand. „I am Eva.”
„Assad,” stellte er sich vor. „Nice to meet you.”
Eva versuchte, seinen Namen auszusprechen.
„Assad,” wiederholte er.
„You are not originally –”
„I am not German,” sagte er und verdrängte wieder seinen Lieblingssatz: „Ich bin ein Fremder, der in einem fremden Land, eine ihm fremde Geschichte, in fremden Sprachen, für Fremde erzählt.”
Die Reiseleiterin rief die Touristen zusammen und sagte zu Assad, der gerade freundlich lächelte, dass er anfangen könnte.

„Welcome to Frankfurt, Ladies and Gentlemen. My name is Assad,” stellt er sich laut der Gruppe vor, während er gleichzeitig seine schwarze Mappe aus seiner Tasche zog. „I come from Istanbul, I grew up in Ankara, and now I live in Frankfurt.”
Er bemerkte gleich das freundliche Lächeln auf verschiedenen Gesichtern. Er ließ offen, seit wann er in Deutschland lebte.
Eine Amerikanerin, die anscheinend auf der letzten Reise ihres Lebens war, und eine Hemdbluse mit bunten, großen Blumenmustern anhatte, fragte ihn nach seinem Namen.
„Assad,” sagte er. A. like Amerika, then you have SS, together makes Ass, then comes ad, like AD. Er wartete, bis sie aufhörten zu lachen.
Die Amerikanerin wiederholte seinen Namen.
„Perfect,” sagte Assad. „Well, after all of it, comes Allah. But the whole of it is too much for you, you can simply call me Assad.”
„You have got the whole history in your name,” sagte ein großer Amerikaner mit einer Video-Kamera in der Hand.
Sometimes too heavy to carry it around, sir, sagte Assad.

Er gab ihnen ein allgemeines Bild von Frankfurt, erwähnte ziemlich ausführlich das Heilige Römische Reich Deutscher Nation am Beispiel der vier Statuen auf der Fassade des Hauses zum Römer, und erklärte vor der Statue von Karl dem Großen, warum man diese Stadt Frankfurt am Main nannte. Dann führte er die Gruppe zum Mainufer.
Vor dem Leinwandhaus, südlich vom Dom, sprach Assad erst von der Messe in der damaligen Zeit und nach einer sehr kurzen Pause erzählte er dann artikuliert weiter. „Das zweite Gebäude, heute ein Café, hat auch etwas mit der Geschichte dieser Stadt zu tun. Im zwölften Jahrhundert lebten 200 Juden hier, vor dem letzten Pogrom 33 000, heute haben wir etwa 6 000 Juden in der Stadt. Aber!” Er hielt kurz inne. „How many muslims? Can you imagine?”
Nach einer kurze Stille hörte man verschiedene Antworten.
„100,” sagte eine Amerikanerin, deren kleiner Kopf in scharfem Kontrast zu ihrem riesigen Busen stand.
„100!” wiederholte Assad theatralisch und wartete, bis sie 20 000 erreichten, dann, mit Nachdruck: „Ten times more.” Er nannte die genaue Zahl aber nicht.
„60 000!” sagte die Amerikanerin mit großem Busen. „Unblievable!”
Nachdem Assad die erwarteten Wows gehört hatte, begann er, die Gruppe weiter zum Historischen Garten zu führen, wo er auch über den Dom erzählen wollte.
Ein Amerikaner, in Bermudahose, mit seitlich gescheitelten Haaren und einem Notizheft in der Hand, anscheinend der jüngste in der Gruppe, zeigte auf den Grabstein, der südlich vom Dom lag, und bat Assad, darüber zu erzählen.
„Sure,” antwortete Assad und versuchte, keine Miene zu verziehen.
Dennoch, für einen genauen Beobachter wäre die leichte Änderung auf seinem Gesicht und das Zögern im Ton einfach zu erkennen. Dieser Beobachter würde das aber als Zeichen der Unwissenheit des Fremdenführers verstanden haben und er wäre nicht darauf gekommen, dass die Frage Assad in eine starke Versuchung geführt hatte: Sollte er weiter über das Schicksal der Juden in Frankfurt erzählen? Dass er den letzten Pogrom erwähnt hatte, war riskant genug. Das Image der Stadt sollte positiv vermittelt werden. Man hatte doch alles am Anfang klargestellt: Was man lernte und was man erzählte, waren nicht immer dasselbe. Die Festhalle an der Messe sollte in Verbindung mit Sport und Popstars erwähnt werden. Man brauchte den Amerikaner nicht unbedingt zu erzählen, dass das Gebäude nur eine Station vor dem Tod gewesen war.
Wollten die Touristen wirklich was Grausames hören? Nein. Oder doch?. Gerade hatte einer danach gefragt.
„Hier, südlich vom Dom,” fuhr Assad fort, den Amerikaner mit dem Notizheft anschauend, „befand sich damals der erste jüdischem Friedhof. Dieser Grabstein erinnert uns heute daran.” Sollte er es nicht lieber hierbei belassen? Das würde doch reichen. Es gab noch einiges zu sehen, sie hatten nicht viel Zeit.
Doch der Versuchung, das Unerlaubte auszudrücken, konnte Assad nicht widerstehen. Hatte er nicht deshalb seine Heimat verlassen? Er war einst so mutig gewesen! Eine moslemische Jungfrau hatte er verführt, deren Vater ein strenger Gläubiger und einflussreicher Abgeordnete im islamischen Madjlis war; außerdem hatte er zahlreiche anti-islamische Bücher und Essays übersetzt und heimlich verbreitet; viele philosophische Arbeitsgruppen an der streng bewachten Uni organisiert; und war schließlich, mit all sein Hab und Gut in einer Schultertasche, über die Grenze gelaufen, um seine Heimat für immer zu verlassen. Er hatte sich nie einschüchtern lassen.
Wäre er feige gewesen, dann hätte er in der Heimat bleiben und die Klappe halten können?
Aber das war doch lange her, vor zehn Jahren. Sollte er heute noch nach den gleichen Prinzipien leben?
Nein, sagte ein ihm teilweise unbekannter Assad.
Ja, sagte der Unversöhnliche in ihm.
Und er war nicht ganz überzeugt, als er sich schließlich für die Wahrheit entschied. „Etwa 10 000 Frankfurter Juden wurden von deutschen Nazis ermordet,” sagte er, „und 700 Juden brachten sich um. Die –”
„How many?” unterbrach ihn der Amerikaner mit Notizheft.
„700,” wiederholte Assad, „und,” fuhr er fort, „die Vergangenheit spürt man noch. Der amerikanische Schriftsteller Faulkner sagte, ’Past has not yet passed, Past has not yet come.` Eine Spur von der Vergangenheit entdeckte man vor kurzem hier im Dom. Bei den Renovierungsarbeiten stellte man fest, dass Teile der jüdischen Grabsteine in die Ostseite vom Dom eingebaut worden waren.” Assad bemerkte, dass der Amerikaner mit Videokamera ihn dabei filmte und sagte zu ihm: „It seems like making a movie, sir.”
„Yes, indeed,” antwortete der Amerikaner. „You don’t find this in the Green Guide. Go on, please.”
Assad sagte ihm, dass er gerne eine Kopie von diesem Film haben würde und führte dann die Gruppe weiter zum Historischen Garten.
Dort beschrieb er die Bauphasen der Kirche, nannte die drei Perioden im Historischen Garten, erklärte kurz den Bau und den Namen der Kunsthalle Schirn, wies auf das Hochhaus der Commerzbank, als das höchste Bürogebäude Europas, und schließlich bat er sie, ihm zu folgen. „Back to Römer,” kündigte er laut an.

Auf dem Rückweg zum Römer kam, wie erwartet, die erste Frage.
Sogleich verlangsamte Assad seinen Schritt.
Der Amerikaner mit der Videokamera, der sich gerade links von Assad befand, begann, mit ihm deutsch zu reden und fragte ihn, welche Religion er hätte.
„Ich bin gebürtiger Moslem,” antwortete Assad.
„Beten Sie sechsmal am Tag?”
„Beten!” sagte Assad, „ich mache mehrere Sachen sechsmal am Tag, sir, aber nicht beten.”
Eine Amerikanerin, die rechts von Assad ging und ihm zuhörte, lachte herzlich. Assad wechselte einen kurzen Blick mit ihr.
Die Frau war ihm bereits am Mainufer aufgefallen, nachdem sie ihre braune Safari-Jacke ausgezogen hatte. Sie trug ein ärmelloses knielanges rostfarbenes Jerseykleid, und hatte lange, lockige, nußbraune Haare und große Ohrringe.
Am Main wehte ein ungewöhnlich starker Wind, während Assad die Gruppe zum Eisernen Steg führte. An der Brücke hatte er sich in der Mitte der Gruppe aufgehalten und die Rückenpartie der Amerikanerin auf der Treppe beobachtet. Als der Wind ihr Kleid an ihre Taille drückte, war sie gezwungen gewesen, die Treppe langsamer hinaufzugehen.
„Wenn man Sie sieht,” sagte Assad vor dem Café Schirn zu ihr, „kann man kaum glauben, dass Sie über acht Stunden im Flugzeug waren. Sie sind so lebendig und neugierig, dass man wirklich Lust bekommt, Ihnen alles zu zeigen.”
Ihre Blicke begegneten sich wieder, länger, und plötzlich zeitlos.

„Sie sprechen sehr gut deutsch,” sagte der Amerikaner.
„Sie aber auch,” entgegnete Assad. „Wo haben Sie deutsch gelernt?”
„Ich bin in Koblenz geboren,” erklärte der Amerikaner. „Sie kommt aus Texas.” Er zeigte auf seine Frau, die alt, aber fit war und kerzengerade neben ihrem Mann herstolzierte.
Assad zeigte sich erstaunt und sagte, dass er dann ja eigentlich ein Deutscher sei, worauf der Amerikaner nicht reagierte. „Kurz bevor Hitler an die Macht kam,” berichtete er, „immigrierten meine Eltern von Deutschland nach Amerika. Ich war ein Kind. – He is Moslem,” sagte er zu seiner Frau und deutete auf Assad.
„But how did you learn all this? You grew up here?” fragte seine Frau. „It’s amazing.”
Er sei erst seit 1998 in Deutschland, erklärte Assad, er lebe und arbeite hier als Asylant, und als sie wieder am Römer waren, blieb er stehen und bat sie, auf die Nachzügler zu warten.
„Sind Sie alleine hier?” fragte der Mann.
„Meine Mutter und Schwester leben noch in der Türkei, mein Vater wurde getötet, als ich siebzehn war.”
„Really,” sagte seine Frau, „It’s horrible. Why do they do that?„
Inzwischen waren die Nachzügler auf dem Römerberg angekommen und beteiligten sich an der Befragung Assads’.
Als Antwort auf die Fragen, die jetzt mehrere von der Gruppe stellten, erzählte Assad, dass er nicht länger in der Türkei bleiben konnte, weil er den Roman Satanische Verse von Salman Rushdie ins Türkische übersetzt hatte und – obwohl seine Name auf dem Buch nicht erschien – viele telefonische Drohungen erhielt. Seitdem lebe er in Deutschland und sogar hier müsse er vorsichtig sein.
„It’s so hard,” sagte die Frau halblaut vor sich hin.
„We could never imagine that,” fügte ihr Mann hinzu.
Assad setzte das Gespräch nicht fort und fragte plötzlich in einem ernsten und energischen Ton, ob alle da seien. Dann zeigte er der Gruppe die öffentlichen Toiletten und gab ihnen ein paar Minuten frei.

Nach der kurzen Pause hatte Assad die Frau im Jersykleid aus der Augen verloren. Dafür hatte er aber von der Reiseleiterin erfahren, woher die Gruppe kam und wie lange sie in Frankfurt bleiben wollte. Dann führte er die Amerikaner weiter herum.
Im Anschluss an die Besichtigung der Paulskirche und des Goethehauses, in dem er den Amerikanern leidenschaftlich über Liebe im Werk und Leben Johann Wolfgang von Goethes berichtete und Werther’s Liebstod hoch lobte, begleitete er die Gruppe zur Hauptwache.
Als sie am Gutenberg-Monument auf dem Rossmarkt vorbeigingen, näherte sich Assad eine Amerikanerin, die einen roten Hut trug. Ganz am Anfang der Führung hatte sie wissen wollen, wie viele Ausländer in Frankfurt lebten.
„Wie viele Sprachen sprechen Sie eigentlich?” fragte sie Assad mit bewunderung in der Stimme.
„Mit Türkisch vier.”
„That’s fascinating!”
„Ich biete auch französische Führungen an, ma’am. Ich habe in Ankara französische Literatur studiert. Wie kann man aber Voltaire in einem Land studieren, wo man von Fanatikern verfolgt und getötet wird. Man kann sich hier einfach nicht vorstellen, was diese Fanatiker im Iran anrichten, oder im Irak. In der Türkei ist es noch schlimmer. Und diese Deutschen, pooh! No war, No war. Stop Bush. Sie kapieren nichts.”
Er bemerkte, dass der Amerikaner aus Koblenz und seine Frau wieder in seiner Nähe waren und ihm aufmerksam zuhörten.
Inzwischen hatten sie Goethe Straße erreicht, die er normalerweise als the most expensive shopping street in Frankfurt with the Japanese as the main customers erwähnte, gleich darauf der Gruppe ein Bild von damals zeigte, auf dem das Hotel zum Schwan zu sehen war, und erzählte vom Frankfurter Friedensschluss, unterschrieben von Bismarck in diesem Hotel.
Heute verzichtete er darauf und setzte seine Ausführungen fort. „Ich bin absolut mit dem Krieg einverstanden. Was kann man sonst mit den Islamisten machen, ma’am. Ich hoffe, dass er im Iran auch beginnt. Egal, was diese deutschen Studenten denken. Sie langweilen sich an der Uni, you know, Hasch macht keinen Spaß mehr, und sie treffen sich auf der Straße, um zu demonstrieren. Sie kommen mit ihrer eigenen Geschichte, mit ihren eigenen Problemen nicht zurecht, aber wollen international aktiv sein. Dabei wissen sie nicht einmal, wo Bagdad genau liegt. Ich wohne in einer WG, ma’am, mit einem Mädchen und drei Jungs zusammen. Alle sind deutsch, und alle denken: No war, oder wie noch, ja, Make love, Not war, oder Make musik, Not war, das ist cool, wissen Sie.”
Sie waren gleich an der Hauptwache angelangt.
„Ich habe alle gefragt, ob sie überhaupt wissen, was die Mullahs oder Saddam mit dem eigenem Volk machen. Natürlich wissen sie es nicht. Schauen Sie mal Deutschland an. Ich komme selber aus der Türkei und kann das ruhig sagen. Ich bin kein Rassist, aber es gibt hier Millionen Türken, und–”
„Soo many!” unterbrach ihn die Amerikanerin mit dem roten Hut.
„Nur in Deutschland, ma’am,” sagte Assad, „und es reicht, nur hundert Fanatiker darunter zu haben, um das ganze Deutschland in die Luft zu sprengen...Wie viele Leute hat man für die Zerstörung Twin Towers gebraucht. Zwei, drei, ma’am, mehr nicht.” Er ließ den Satz, sie waren Studenten wie ich, weg. Er beendete die Führung nicht wie üblich, sondern führte die Gruppe weiter zur Zeil. „Sie gebären mehr und mehr Kinder, was eine deutsche Familie nicht macht. Was wird in fünfzig Jahren passieren. Schauen Sie sich mal Frankreich an. Dort wollen sie einen fanzösischen Schriftsteller in den Knast stecken. Warum? Weil er gesagt hat, dass der Islam Scheiße sei. Und jetzt wollen sie mit Hedjab zur Arbeit und–”
„What?” fragte die Frau.
„Hedjab, ma’am, veil,” sagte Assad und zeigte auf seinen Kopf.
„Oh, veil, yes,” sagte die Amerikanerin.
Assad schüttelte den Kopf und fuhr fort:
„Sie wollen sogar, dass in der Schule der Koran unterrichtet wird. Aber nicht auf Deutsch. Können Sie das glauben? Das ist eine Gefahr für ganz Europa. Bald beginnen alle deutschen Männer von Harems zu träumen und deutsche Frauen von Bauchtanz und Sex in der Sahara, wie in dem Film Sheltering Sky.”
„Oh, I love it, I have seen it many times. It’s wonderful,” schwärmte die Amerikanerin.
„Die Moslems sehen friedliebend aus,” sagte Assad, „weil sie gerade keine Macht haben. Ich kenne sie ganz gut. Haben Sie Khomeini nicht gesehen, wie er aussah, in sich gekehrt wie ein Philosoph, als ob nichts auf dieser Welt ihn interessierte. Dabei dachte er nur darüber nach, wie er Salman Rushdie am besten umbringen könnte.”
„You like his work?” fragte die Amerikanerin.
„He is great, ma’am. Read all what he has written,” wiederholte Assad den Satz, den Salman Rushdie selbst über Raymond Carver gesagt hatte.
Als sie warteten – die Ampel war rot – verwandelte sich Assad plötzlich wieder in einen souveränen Guide, entfernte sich von der Frau mit dem roten Hut und sagte laut, dass die Führung gleich zu Ende sei.
Nachdem sie die Straße überquert hatten, erwähnte er die Zeil als umsatzstärkste Einkaufsstraße Deutschlands und bedankte sich bei den Touristen für ihre Aufmerksamkeit.
„Sie haben ein tolle Führung gemacht,” sagte der Amerikaner aus Koblenz, „und ich wünsche Ihnen, dass Sie Türkei bald besuchen können, und ihre Mutter.”
Er drückte einen Geldschein in Assads rechte Hand. „Das ist was Kleines von mir und meiner Frau. Leben Sie wohl.”
„Take care,” sagte seine Frau.

Also, dieses Mal war es nicht nötig, länger zu reden.
Während er noch einzelne Fragen beantwortete, wo die Alte Oper und ob im Kaufhof der Tax-Free-Einkauf möglich sei, wo sich the next pharmacy befinde, bekam er unaufhörlich, von links und rechts, Trinkgeld, und er versuchte so schnell wie möglich, das Geld in seine Taschen zu stecken.
Das war nicht einfach, die Taschen seiner Jeanshose waren ziemlich eng.
Als Assad allein zurückblieb, näherte sich ihm die Amerikanerin mit dem Jerseykleid. „Waren Sie schon in Amerika gewesen?”
„Leider nicht. Ich möchte aber hin. Haben Sie heute noch was vor?” fragte er.
Assad fürchtete, dass sie ihm auch ein Trinkgeld geben wollte, sah aber nichts in ihrer Hand und fühlte sich erleichtert.
„Vielleicht können Sie mir was empfehlen. Sie sind ja der Guide. Sie führen die Fremden durch die Stadt.”
Assad sah, wie ihr sanftes Lächeln andauerte, ohne dass ihre Lippen sich öffneten. Die Mundwinkel endeten in ihren hohen Wangen, und aus den kleinen Fältchen ragten ihre schönen braunen Augen hervor.
„Sie können auf den Main Tower gehen,” sagte Assad und zeigte auf das Hochhaus. „Sie können alles sehen, wenn Sie oben sind. Das ist total anders, als wenn Sie unten stehen.”
„In der Nacht muss das aber noch schöner sein, oder?”
„Bleiben Sie noch in Frankfurt?” fragte Assad, obwohl er die Antwort schon wusste.
„Wir fahren morgen am Nachmittag weiter.”
Eine Bettlerin näherte sich und öffnete ihre Hand. „Nein,” sagte Assad und schüttelte dabei den Kopf. Die Bettlerin, der Assad schon öfters auf der Zeil begegnet war, starrte ihn verächtlich an. Verpiss dich, ging ihm durch den Kopf. Er vermied ihren Blick, und als er sich wieder der Amerikanerin zuwenden wollte, fiel ihm kein Wort ein.
„Wie komme ich dorthin?” fragte die Amerikanerin. Plötzlich war sie nur ein Tourist, wie eine Fremde, die einen Füßgänger nach dem Weg fragte.
„Ich kann Sie begleiten.”
„Würden Sie!”
Assad zog seinen Kalender aus der Schultertasche und öffnete ihn. „Um acht?”
„Um acht,” antwortete die Amerikanerin. „Ich heiße übrigens Kate. Haben Sie noch eine Führung?”
„In einer Stunde,” log er. „Die letzte für heute. Wir können uns hier treffen und dann hinlaufen. Es ist ja nicht weit.”
„Ich gehe gerne zu Fuß,” sagte sie.
Sie verabschiedeten sich. Assad blieb noch kurz stehen und schaute ihr nach, wie sie in Richtung Altstadt fortging.

Bis acht Uhr war noch viel Zeit. Assad konnte nach Hause gehen, duschen und sich etwas anderes anziehen. Unterwegs fand er sich von zahllosen Vorwürfen überwältigt. Er verteidigte sich aber nicht. Ich bin, was ich erzähle, dachte er nur.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Anne C. Schneider
„Ambos Mundos”, Havanna, – oder was vom Mythos übrigblieb

Erleichtert, als ob ich gerade einem für mich möglicherweise tödlich endenden Bandenkrieg entkommen wäre, flüchtete ich nun, endlich gerettet, in ein Taxi und entspannte mich zusehends wieder. Wohin ich mich jetzt fahren lassen wollte, wusste ich eigentlich nicht so genau, vielleicht nach Cojimar, das hatte noch einen klangvollen Namen. Dennoch, Ansprüche hatte ich schon: bitte kein modernes Gaviota- oder Touristaxi, es musste natürlich so ein alter Ami-Schlitten aus den fünfziger Jahren sein (bevorzugt in türkisblau), von denen ich zuhause glaubte, sie könnten eigentlich nur noch im Film – wie bei Sydney Pollack oder Wim Wenders – fahrtüchtig sein. Aber selbst Jahrzehnte nach dem Ende von Battistas-Dekadenz-Regime und dem seither währenden Embargo der Amerikaner rollten ganze Flottenverbände dieser ausladenden, hochglanzpolierten Gefährte, in den lebensfrohen Farben des karibischen Karnevals, durch Altstadtstraßen, die dafür nicht angelegt sind.

Gerade nämlich, in letzter Sekunde sozusagen, war ich dem Sturz in ein unvermutet auftauchendes metertiefes Loch auf dem Gehweg und damit womöglich einem Beinbruch entkommen. Und als ob ein Berufskiller am Werk wäre, der jeden Zufall ausschalten wolle, drohte gleich darauf bereits der nächste Anschlag auf mein Leben – diesmal jedoch von oben: Von der bröckeligen Fassade eines einst herrschaftlichen Stadtpalastes hatte sich ein größeres Stück mattrosafarbiger Putz gelöst, schlug direkt vor meinen Füßen auf und zerbarst. Der massive Brocken hätte auch auf meinen Kopf landen können …. Gerade noch mal davon gekommen, dachte ich. Ja, ein Spaziergang durch Habana vieja, die Altstadt von Kubas Metropole, bietet allerlei Gefahren. Doch offenbar ganz andere, als ich von jenseits des Atlantiks erwartet hatte.

Ausgerüstet mit einem Schweizer Armeemesser und mehr als optimistisch eingedeckt mit Kondomen (die sollten hier zwar außerordentlich günstig zu kaufen sein, wie ich in einem alternativen Reiseführer gelesen hatte, 500 Stück für nur einen Dollar, – aber 500 Stück, ist das die Jahresration eines Kubaner?, fragte ich mich bestürzt) würden mein ohnehin angekratztes Selbstbewusstsein in einen noch tieferen Abgrund ziehen! Und außerdem, man weiß ja nie, wie Produktion im vorletzten realkommunistischen Land der Welt gerade so läuft, ob die Qualität so zuverlässig ist wie zuhause, und Himbeergeschmack und anderen raffinierten Schnickschnack für den Connoisseur mal beiseite gelassen), hatte ich mich auf nächtliche Streifzüge durch Havanna und seine Herausforderungen eingestellt, – aber an einen Schutzhelm hatte ich dabei nicht gedacht! Die vollmundigen Unesco-Berichte von den Fortschritten bei der Sanierung des farbig-pittoresken Weltkulturerbes hatten mich ein architektonisches Freilichtmuseum erwarten lassen, nicht aber Straßenzüge mit abbruchreifen Anwesen in verblichener Pracht. Hemingway, Wahlkubaner erster Klasse, hatte die Macht des Wassers in seinen Seestücken eindrucksvoll geschildert, – und hier in diesen Gebäuden höhlte auch der stete Tropfen einer überfeuchten Luft unrettbar den Stein.

Der Fahrer meines Taxis war zwar deutlich jünger als sein Auto, hatte aber „seine besten Jahre hinter sich”. In dem äußerlich sorglos, gutgelaunten Gesicht hatten die zermürbenden Überlebensstrategien in seiner Gesellschaft, in der – außer Rum und Lenin-Büsten in allen Größen – so ziemlich alles andere Mangelware war, vor allem natürlich auch der Treibstoff für sein Fahrgeschäft, ihre Spuren hinterlassen. Er war ein Moreno azulito – ein Mulatte mit bläulich schimmernder Haut, wenn die gleißende Sonne drauf fiel. Hier in Kuba, hatte ich im Laufe der letzten Tage gelernt, unterscheidet man nicht nur bei Zigarren, sondern auch bei der Hautfarbe ein breites Spektrum an Farben – von negrito über mulato bis chino und blanco mit allen Zwischentönen – vergleichbar der Palette von Farben bei den echten Havannas, den Montecristos und Romeo y Julietas, die da vom grünlichen pariso verdoso bis zum dunkelbraunen oscuro changieren können. Aber lassen wir das. Unbefangen kann man ja heute über Zigarren gar nicht mehr sprechen – seit sie der amerikanische Bill im Oral Office ihrer eigentlichen Bestimmung zweckentfremdete, seit einer seiner Vorgänger im Amt (und bei den Frauen) noch schnell 1000 Havannas requirieren ließ, bevor er nach katastrophaler Mission in der Schweinebucht das Embargo verhängte, und wieder ein anderes Staatsoberhaupt mit seiner Cohiba-Prahlerei seinen Ruf bei den Genossen Wählern fast verspielt hätte.

Bevor wir die Altstadtgassen richtig verlassen hatten, hielten wir nochmals vor einem schäbigen, heruntergekommenen Bau, auf dessen Balkone ich mich – im Gegensatz zu den beiden dort spielenden Kindern – nicht gewagt hätte. Mein Fahrer pfiff einmal durchdringend durch zwei Finger, und schon sprangen die beiden Jungen herbei, ja sie kugelten mehr die Treppe herunter, als dass sie liefen. „Mis hijos”, kommentierte er ebenso knapp wie stolz. Von meinen Vorschussdollars für die Fahrt an den Strand von Cojimar gab er ihnen zwei, – offenbar durften sie sich damit einen lang ersehnten Wunsch erfüllen.

Angeregt von der Möglichkeit, endlich einmal ungestört einen privaten Blick in den Innenhof, ja womöglich in das Innere eines vor Leben vibrierenden Mehrfamilien-Altstadthauses zu werfen, stieg auch ich aus – die Gefahren von eben ganz vergessend. Doch weit kam ich nicht. Bis ich die Kamera in Anschlag gebracht und eingestellt hatte, war ich schon von einem Gitarrespieler-Sänger-Duo quasi umzingelt. Was sie singen würden, konnte ich mir denken….Diese Straßensänger hatten ihr komplettes Repertoire eingebüßt und ließen ihren angeborenen Sinn für Rhythmus und Melodie brachliegen. Sie hatten sich darauf spezialisiert, die offen-geheime kubanische Nationalhymne, das zu einem Gassenhauer mutierte Guantanamera, einst ein Liebeslied, das aber heute bei uns Europäern alle Bedürfnisse von friedensbewegtem Politsong bis zur Karaoke-Unterhaltungsschnulze abdeckte, in einer Einminuten-Show, einer Einminuten-Ein-Dollar-Show, abzuspulen. Obwohl noch eigentlich Handarbeit auf der Gitarre, war diese Darbietung doch symbolisch für ein in Kleinstschritte zerfallendes Industriezeitalter-Arbeiten. Eine Kurzgeste unendlich oft wiederholt! Guantanamera verfolgte mich hier in seiner Allgegenwärtigkeit wie die unausweichlichen Bagpipers in Edinburgh, und zehn Dollar hatte ich bestimmt schon dafür hingegeben in den letzten Tagen! Meinen obligaten Obulus auch jetzt widerspruchslos bezahlend, durfte ich wieder einsteigen.

Und weiter ging die Fahrt, meerwärts. Wie im Zeitraffer erlebte ich noch einmal all die Plätze, Paläste und Paradierstraßen, die ich mir in den letzten Tagen schon erlaufen hatte. In meinen Gedanken versponnen, merkte ich erst jetzt, dass mein Fahrer plötzlich an der Straße anhielt, bei zwei rassigen, hochbeinigen „Giraffinnen”, die straffen, muskulösen Schenkel in hautengen, ferrariroten Stretchhosen verpackt und die üppigen Brüste in einem bauch- und schulterfreien Top, dessen Rückenverschnürung etwas lax geknüpft war, so als warte sie darauf, ganz gelöst zu werden, – einhändig notfalls. Das waren also zwei dieser so zahlreichen Gelegenheitsprostituierten, die vielleicht arbeitslos oder in einem Beruf tätig waren, der nicht in harter Währung entlohnt wurde und die sich noch ein paar dolares nebenbei verdienen wollten, solange es eben ging. Auch wenn sie keinen Federschmuck überhöhend auf dem Kopf balancierten, standen sie in meinen geblendeten Augen den Glitzerschönheiten der Nacht in der Tropicana-Bar um nichts nach. „Sprachverschlagende” Wesen einer anderen Welt! Der einheimische Jargon bezeichnet sie, wie ich gelernt hatte, (sollte sich meine Reise unversehens etwa als Sprachkurs entpuppen?) als Jineteras, was wörtlich übersetzt „Reiterinnen” heißt und womöglich Rückschlüsse auf ihre bevorzugten Positionen oder aber das Einhalten eines strikten Rhythmus – nicht nur bei Salsa und Samba – zulässt.

Mein Chauffeur verhandelte erst mit der hellhäutigeren von beiden, einer india canela, einer zimtfarbenen Schönheit. Dann schien ihm eine neue Idee zu kommen, und er gestikulierte mir fragend, ob ich wohl auch mitkommen wolle, dann hätten wir doch beide zu tun, und unsere Fahrt könnten wir ja auch später noch gemeinsam fortsetzen. Das war mir dann doch bei aller Neugierde und aller Attraktivität der Negrita, die dann wohl für mich abfallen würde, entschieden überstürzt. Sie strahlte in ihrer stolzen Cubanía eine solche Souveränität aus, der ich, der Dollarkapitalist, nicht gewachsen sein würde. Alejo Carpentiers verheißungsvoller Satz „Die Mulattin kommt schon mit dem Teufel zwischen den Beinen auf die Welt.” durchzuckte mich und wirkte aber eher lähmend als stimulierend. Alle Aufwallung des Begehrens sackte bei dem Gedanken an die Frau, die mich, auch ohne High Heels, um mehr als Haupteslänge überragte, völlig in sich zusammen. Wie sollte das zusammengehen? Und überhaupt, rationalisierte ich mir dann zurecht, man wusste ja nie, vielleicht war es eine Falle? Drei gegen einen – da würde mir auch mein Schweizer Armeemesser nichts mehr helfen, denn ich hatte ja weder bei den eidgenössischen Reservisten noch bei den päpstlichen Garden Nahkampferfahrung sammeln können.

Ich hatte mir schon vorhin im El Floridita eine ziemliche Blamage eingehandelt, als ich Havanna-Trampel – an geweihter Stätte sozusagen – einen Cuba libre bestellte. Der Barmann, ein elegantes, dunkelgelocktes Jüngelchen Anfang zwanzig, das die Idealbesetzung für einen tenore di grazia in einer Rossini-Oper ebenso wie den jugendlicher Begleiter einer älteren Edeltunte hätte abgeben können, servierte mir das Bestellte mit reglosem Blick und vollendeter Höflichkeit. Doch der Bildungstourist neben mir – sicher ein Englischlehrer aus Hamburg – , konnte nicht an sich halten und verdarb mir den Aufenthalt in der Bar. Er wies mich, an den weißledergepolsterten Barhocker gelehnt, einen Fuß auf die umlaufende Messingleiste und einen Arm auf die spiegelblank polierte Oberfläche des Tresens gestützt, auf die Schwarzweißfotos an der linken Wand hin. Allein machte ihn sein Wissen offenbar auch nicht glücklich, und ich war das einzige Opfer in der Nähe, das er krallen konnte, um dieses Wissen seiner wahren Bestimmung zuzuführen. Hier im Floridita, belehrte er mich, kann man nur eines trinken – nämlich einen Daiquirí oder noch besser einen Daiquirí especial mit Grapefruitsaft! Noch nicht mal ein Mojito sei ganz stilecht. Ob ich denn Islands in the Stream nicht gelesen hätte? Oder doch wenigstens Marlenes Memoiren?

Nach dieser Feindberührung mit dem deutschen Bildungsbürgertum in der Karibik war mein Fassungsvermögen für Erniedrigung für heute mehr als gedeckt, so dass ich für den Direktkontakt mit den Jineteras erst neues Selbstbewusstsein aufbauen musste. Ein anderes Mal vielleicht – „eines Nachts, vielleicht auch tags”? Ich bedeutete meinem Fahrer, was für ihn wohl die degradierende Geste eines Kapitalisten war, dass der Halt nun ein Ende habe und ich weiter wolle, obwohl mich, genau bedacht, nichts drängte. Ganz geschlagen gab er sich aber nicht und wollte seinen schönen Fang nicht von der Angel lassen. Er steckte ihr eine Dollarnote – ein Vorschuss für eine später noch einzufordernde Leistung – dahin, wo die besser gestellten Cubanitas ihre Preziosen verwahren, und seine Hand wenigstens bekam einen kleinen Vorgeschmack der Zimthaut. Aber zuerst musste er mich ja noch in Cojimar abliefern.

Während ich noch überlegte, in welchem Modell aus dem Hause General Motors ich denn eigentlich über den übergischteten Malécon, das kubanische Pendant der mir vertrauteren Via Caracciolo in Neapel, dahinglitt, und mir schließlich dämmerte, dass die Silberbuchstaben „role” neben dem Armaturenbrett nach einem halben Jahrhundert das einzige Überbleibsel des einst stolzen Chevrolet-Schriftzugs waren, (nicht nur dieses großzügig gestaltete Auto, auch die Marke selbst hatte offenbar ebenso über die Jahrzehnte ihren Glanz eingebüßt, – baut sie doch heute Fahrzeuge mit dem einschüchternden Namen „Captiva”, worin sich ein masochistischer Käufer allenfalls wie ein Gefangener fühlen kann!) – nahm mein Chauffeur plötzlich stark an Fahrt auf. Aber damit nahm das Verhängnis vermutlich auch seinen Lauf.

Wir zogen eine Weile zügig vorbei an den Kaimauern, auf denen verblasste „Viva la revolución”-Parolen und schemenhafte, doch unverkennbare Umrisse von El Comandante, dem Kumpel „El Che” mit der Baskenmütze zu erkennen waren. In diesem flotten Tempo zog der Chevrolet wohl auch die Aufmerksamkeit unbeschäftigter Polizisten auf sich, die sich unversehens in der günstigen Lage sahen, zu ihrem dürftigen Peso-Gehalt vielleicht noch ein paar Dollars extra machen zu können. Mein Fahrer wusste wohl, was ihm beim Anwinken der Polizisten bevorstand, (wahrscheinlich passierte ihm das auch nicht zum ersten Mal), hielt vorausschauend etwa zwanzig Meter weiter an, und ging zu Fuß zurück, vermutlich um sich und mir den beschämenden Anblick der unfreiwilligen Zahlung eines Bestechungsgeldes für das Fahren ohne Taxilizenz zu ersparen.

Ich fühlte mit ihm, – da kommt doch Freude auf, den halben Fahrtlohn einfach so abdrücken zu müssen. Und wer weiß, was die Zimthäutige für das übrig bleibende halbe Honorar überhaupt noch zu leisten willens war? Aber selbst dieser Gedanke sollte sich bald als zu optimistisch herausstellen, denn plötzlich stotterte der Chevrolet, und mit einem Ruck blieb er dann ganz stehen. Kein Mucks mehr, trotz mehrfacher Versuche meines Chauffeurs, ihm neues Leben einzuhauchen. Was nun? Hier lagen wir nun fest auf der Ausfallstraße, und keiner von uns hatte ein Mobiltelefon. Sollten wir das Auto stehen lassen und zu Fuß zu der nächsten Behausung – hoffentlich mit Telefonanschluss – laufen? Nach links oder nach rechts? Die letzten Häuser lagen in meinem Bewusstsein gut zwei Kilometer hinter uns. Und gab es hier überhaupt einen geregelten Abschleppdienst? Und selbst wenn, konnte ihn mein Fahrer sich leisten? Cojimar war mir mit einem Mal egal, ich sehnte mich nach meinem Hotelzimmer. Nach zwei Stunden Wartens an der staubigen Piste nahm endlich ein robuster Camion mit der Aufschrift „uso particolar” (was damit wohl normalerweise gemeint war? Waffentransporte vielleicht?, schoss durch mein revolutionsbegeistertes Altachtundsechziger-Hirn), den mein Fahrer irgendwie organisiert hatte, den Chevrolet ins Schlepptau und uns auf die ölverschmierte Ladefläche. Adios, meine schöne Reiterin. Heute wird es nichts mehr mit uns!, wird mein Fahrer wohl gedacht haben. Mir fiel banalerwiese nur ein: Aber Prostitution ist im Reich der Revolutionäre doch offiziell verboten. Der Máximo líder hält nicht viel von der „Vergesellschaftung der Produktionsmittel”!

© A. C. Schneider, 2007
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Daniela Schulz
Reise ins asiatische Tuwa

Tuwa ist schwer zu erreichen. Naja, sagen wir mal so, man kommt sicher bis nach Moskau, dort kann man dann Inlandsflüge buchen entweder nach Tomsk, oder Omsk oder Novosibirsk – und dann fehlen bis Tuwa noch einige Flugstunden... Per Pauschalangebot ist Tuwa nicht zu erreichen. Wer es aber schafft, den erwartet: Tuwa all inclusive!
Auf Einladung des tuwinischen Kultusministeriums reise ich hierher, um mit einem Fernsehteam über das vergessene Land zu berichten – man braucht eine Einladung um hierher kommen zu dürfen, Tuwa ist immerhin Grenzland. Und ich darf – der bekannteste Tuwa-Fan der Welt, der amerikanische Physiker Richard Feynman durfte zeitlebens nicht ins Land seiner Träume reisen. Der russischen Regierung schien es zu gefährlich, einem Nobelpreisträger zu erlauben sich im Grenzgebiet aufzuhalten. Spionage! Immer wieder versuchte er es und laut Legende soll ein endlich genehmigtes Visum zwei Tage nach seinem Tod eingetroffen sein.

Kyzyl – Tuwa – Jenissei. Das hätte jedesmal Höchstpunktzahl gebracht beim Stadt-Land-Fluß-Spiel, denke ich während der staubige rote Lada mich über die Steppe buckelt. Endlich! Dort hinter den überdimensionalen Beton-Buchstaben K – Y – Z – Y – L erstreckt sich die Hauptstadt der Autonomen Republik Tuwa. Entlang des himmelblauen Bandes des Jenissei würfeln sich sozialistische Wohnmonolithen und russische Holzhäuser in das Bild der unendlichen samtgrünen Hügelketten. Das also war der Wunschtraum Feynmans, einmal Kyzyl sehen – er musste ohne sterben.

Kyzyl ist eine seltsame Stadt: einerseits hört man in der 90.000-Seelen-Ansammlung die sich Hauptstadt nennt gängige Hip-Hop-Sounds, andererseits werden die Sitten aus der Zeit des Großen Khans gepflegt. Am wichtigsten ist, Kyzyl ist das Zentrum Asiens!

Hier fliessen die beiden Flüsse Kha-Kem und Bi-Khem zum Jenissei zusammen, ein Strom der größer ist als der La Plata, der Ganges und der Kongo. Er stürzt von den 4000ern des Ostajan-Gebirges in ein Land, das unseren Voralpen gleicht. Jenseits der tuwinischen Grenze wird der gewaltige Fluß ausgiebig beschifft. In Kyzyl warten an seinen Ufern nur die Angler geduldig darauf, daß nichts passiert. Der Vater der Ströme, wie ihn die Russen nennen, fließt lautlos vorüber.

Die autonome russische Republik Tuwa war einst das „Land der Rentiernomaden”. Ein mystisches Fleckchen Erde, halb so gross wie Deutschland. Jenseits des Altais im südlichsten Zipfel Sibiriens gelegen, da wo die Eislandschaft langsam in die mongolische Wüste übergeht, wo sich Schamanismus und Buddhismus gute Nacht sagen. Dschingis-Khan durchritt das Land auf seinem Eroberungszug gen Westen und hierher kommen auch die Goldschätze der Skythen.
Stadtmitte, Jenissei-Ufer: Hier steht der Obelisk. Otto Mänchen-Helfen, der erste deutsche Tourist in Tuwa, erzählt in seiner 1929 erschienenen „Reise ins asiatische Tuwa”:

„Ein spleeniger Engländer reiste zu dem einzigen Zwecke, im Mittelpunkt eines jeden Erdteils einen Gedenkstein aufzurichten. Afrika, Nord- und Südamerika hatten schon ihre Steine, als er auszog, dem Herzen Asiens ein Denkmal zu setzen. Nach seiner Berechnung lag es an den Ufern des oberen Jenissei. Ich sah den Stein 1929. Er steht in Tuwa, in der Hirtenrepublik, die zwischen Sibirien und der Wüste Gobi liegt, dem für Europäer verschlossensten Lande Asiens.” Wie recht er hatte. Doch jetzt bin ich am geografischen Mittelpunkt Asiens und treffe Albert Kouvezin, einen Musiker, der der alten tuwinischen Musiktradition zu neuen Ehren verhilft: Albert ist ein „Khomeizi”, ein Kehlkopfsänger. „Ich bedanke mich bei den Geistern meiner Ahnen für die wundervollen Melodien und Lieder, die sie uns geschenkt haben.”

Die Tuwiner sagen, daß der Gesang der direkte Verbindungsdraht zwischen Mensch und Kosmos ist. Doch Albert tritt nicht in einem der vielen National-Ensembles auf sondern tourt mit seiner Rockband Yat-Kha durch die Welt. „Ich singe den Khomei für heute,” lacht er. Er ist hier am Fluß groß geworden und seine Verwandten leben noch immer als Hirten in den Bergen. „Eine wundervolle Kindheit / ein wundervoller Ort / golden wenn die Sonne scheint”, heißt es in einem seiner Lieder. Das muß woanders gewesen sein, als hier zwischen dem Schutt der aufgerissenen Asphaltstrasse und den tristen Fabrikbrachen der Sowjetzeit. Weder skythischer Goldschatz noch goldene Sonne ist hier zu finden – nur kaputte Sowjet-Romantik.
Paßbüro: Besucher müssen sich registrieren lassen. Ich bin zu spät, zur Strafe gibt es einen Wodka. Weniger als 100 Besucher hat die Republik jedes Jahr. Draußen tanzen Jugendliche in ballonseidenen Jogginganzügen Break-Dance unterm Lenindenkmal.
Mit dem Lada folgen wir Lenins Fingerzeig in die Ferne. Quer über die Steppe. Dreimal wird das Auto repariert. Stunden später halten wir an einem Bach. Den Geistern opfern. Mit Wodka. Der erste Schluck für die Geister, der Rest für uns. Als ob sie’s gerochen hätten, tauchen aus der Ferne drei kriegerische Reiter auf. Als die Flasche leer ist, bringen sie uns zur Jurte ihres Clanchefs. Glück gehabt, es ist Alberts Onkel und er will uns nichts Böses. Seine „Cowboys” wollen nur mal durch die Kamera schauen – eine neue Welt.
Neben seinem Filzzelt fließt eine schneeweiße Herde Angoraziegen über die Bergkuppe. Pferde grasen auf den Paßhöhen. DAS ist Traum-Tuwa. Nach altem Brauch wird für die Gäste ein Schaf geschlachtet: ein kurzer Einschnitt in die Brust des Tieres, dann faßt ein Mann mit der Hand ins Innere und erstickt das Schaf durch Zudrücken der Aorta. Die Regel stammt noch von Dschingis-Khan: nicht ein Tropfen Blut des Tieres darf die Erde benetzen. Das gestockte Blut muss ich dann essen, Nationalgericht!
Am nächsten Tag, dem 14. August feiert ganz Tuwa den Jahrestag der Unabhängigkeit. Am 14. August 1921 rief das russisch verwaltete Protektorat Urianchai die erste Republik Tannu-Tuwa aus. Kyzyl versuchte eine Annäherung an die Mongolei. Doch 1944 endete mit der Eingliederung in das Sowjetreich nicht nur die Unabhängigkeit sondern gar die gesamte Existenz Tuwas. Das Land verschwand von den Karten der Welt.
Seit dem Niedergang des Sozialismus sucht das „vergessene Land” seine nationale Identität. Zum Naadam (Nationalfeiertag) treten auf dem Leninplatz vor dem Rathaus Folklore-Ensembles der ganzen Republik auf mit einem Repertoire von Kehlkopfgesang bis Pop-Karaoke. Unweit der bonbonbunten Tanzformationen führt ein alter Schamane vor den schäbigen Plattenbauten sein Ritual durch: er schlägt die große Trommel und summt leise, dreht sich und dreht sich und dreht sich... ich schließe die Augen, jetzt höre ich die vielen Glöckchen seines Gewandes, sein Schamanenpferd schwingt sich auf zum Himmel... ich öffne die Augen und der Alte ist tatsächlich fort.
Wir müssen weiter zum Pferderennen: 40 Kilometer über blanke Steppe. Ohne Sattel. Beim Ziel, jenseits der Wohnblocks steht eine zweite Stadt: Teilnehmer und Festbesucher sind mit ihrem ganzen Hab und Gut gekommen. Hunderte von Jurten stehen dicht an dicht. Pferderennen, Bogenschießen und Ringkampf sind Höhepunkt des Naadam-Fests. Jeder Ringer tanz vor, und falls er Sieger wird auch nach dem Kampf den „Adlertanz”. In bunte Seidenkleider gewandete Schiedsrichter rennen geschäftig zwischen den Kämpfern und der Ehrentribühne hin und her. Pro Weg trinken sie einen Schluck Wodka.
Auf der anderen Seite des Jenissei steht eine kleine Schmuckschatulle, wenn man sich ihr über eine der beiden Brücken nähert erkennt man einen buddhistischen Tempel. Der Lama freut sich über den Besuch, vor zwei Jahren hatte er auch noch eine Rockband und kennt meinen Begleiter von nächtlichen Jam-Sessions. Jetzt ist er hier Klostervorsteher aber seine Jimi-Hendrix-Attitüde hat er noch drauf. Der buddhistische Lamaismus war während der Sowjetzeit verboten. Jetzt, nachdem 1992 der Dalai Lama Tuwa besuchte und den heiligen Berg Chayürakan segnete steht neben dem schamanischen „Obaa” (ein Steinhaufen, der einen heiligen Ort markiert) ein buddhistischer Opferschrein. Schamanismus und Buddhismus vertragen sich gut in Tuwa, selbst der Lama war schon mal bei einem Schamanen, „bei meinem Onkel.”
Ich muß zum Fernsehen. Vor der kleinen Baracke stolziert ein Kamel vorbei. Drinnen wartet schon Dina Oiun, Tuwas Anchorwoman auf mich und erzählt begeistert von der Filmnation Tuwa, den „Menschen am Blauen Fluß”, wie der berühmteste Tuwa-Film heißt. Otto Mänchen-Helfen, Tuwas deutschen „Entdecker” kennt sie auch und ich soll seine Nachfolgerin sein, Tuwa wieder auf die Landkarte bringen. Die Technik im Senderaum ist so alt, daß ich nicht einmal auf deutsch weiß wie der Standard heißt, jedenfalls ist das Magnetband so breit wie meine ganze Kassette. Davon mache ich ein Foto.
Buddhismus und Schamanismus, Kamele und wilde Reiter zwischen Hochhausreihen und eine Tankstelle im Nichts. Hip-Hop, Jurten, Lenindenkmal und Dauerfernsehen, wie in der Lobby des nicht zu empfehlenden aber einzigen Hotels der Stadt, das ist „Tuwa all inclusive” – Richard Feynmans Paradies, das er nur von einer Briefmarke kannte. Woher auch immer er die hatte, meine Karten die ich aus Kyzyl verschickt und für deren Marken ich Stunden im Postamt angestanden habe, sind nie zu Hause angekommen.
Beim Abflug schenkt mir der Lada-Fahrer sein „Schlüsselbrett”: ein riesiges Rentiergeweih.
Den Film den wir gedreht haben, habe ich Dina Oiun geschickt, er ist jetzt Teil des Dauerflimmerns im Hotel.

Tipps zu Tuwa:

Literatur: Über Feynmans nicht gelungene Reise erzählt das Buch „Tuva or bust!” von Ralph Leighton. Leider vergriffen: Otto Mänchen-Helfen, „Reise ins asiatische Tuwa”, obwohl vor fast 80 Jahren geschrieben immer noch das beste Buch über Tuwa.

Essen und Trinken: Es gibt ein Restaurant in Kyzyl, in der Leninstrasse gegenüber dem Buchladen. Das zweite am Ortsausgang hatte geschlossen. Garbratereien mit Schaschlick gibt es an jeder Ecke. Teehäuser sind vorhanden aber schlecht gekennzeichnet. Echt tuwinisch: Picknick in der Steppe. Brot, Obst und Gemüse, auch geräucherten Fisch gibt es überall zu kaufen. Wohnt man privat ist das Essen inklusive: gesalzener Buttertee, vergorene Stutenmilch und Chan, Blutpudding.

Kunst und Kultur: In Kyzyl zeigt das Nationalmuseum die Jahrtausendealte Kultur Tuwas, ein schamanisches Heilhaus und alle Tiere der Region. In der Steppe finden sich heilige Quellen, Felszeichnungen und skythische Steinfiguren. Rund um den Nationalfeiertag am 14. August finden Sängerwettstreits, Ringkämpfe, Pferderennen und Schmananentreffen statt. Kyzyl hat ein Schauspielhaus, eine Musikhochschule und eine Philharmonie.

Shopping gestaltet sich als schwierig, da tuwinische Kaufläden meist die Wohnzimmer von Verwandten und Bekannten sind. Containermärkte mit Frisch- und Gebrauchtwaren, ebenso Kleidung finden sich aber auf jedem größeren Platz. Der große Buchladen in der Leninstrasse führt zum Teil auch englischsprachige Literatur. Mehrere Läden sind am Ortseingang, wenn man vom Flughafen kommt, da findet sich alles vom Wodka über Porzellan bis zum Polarfuchs.

© Daniela Schulz, 2007
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Magdalena Staude
Essen und Trinken in Indien

Nord-und südindische Küche erwartet uns in Bavnaghar, wo die Frauen eigenhändig ihre schönen Seidensaris bekleckern. Zur scharfen Tomatensuppe steht die Gesellschaft plaudernd und löffelnd in Grüppchen zusammen, das reiche Angebot von ausschließlichen Gemüsezubereitungen aber, auf zwei Tischen in der Mittes des Raumes aufgebaut, wird im Sitzen auf den die Wand entlang gereihten Stühlen eingenommen. Rechtshändig vermengen die Esser den Reis auf dem Teller mit Bulgurbällchen, mit Okra, Spinat, Erbsen-, Blumenkohl-, Rüben-, Rettich-, Bohnen-, und anderen Gemüsecurries, mit vielfarbigen Würzsoßen wird das Gehäufte begossen, Linsendal in allen bunten Schattierungen zugelöffelt, Salate und Zwiebelbrei beigefüllt, und der mehr oder minder gut gerollte Batzen flink und wendig geübt in den Mund geschoben. Aufgeblasene Fettkrapfen, knusprige Papadams, eine rote pfefferheftige, eine weiße Soße mit Chilis, eine grellgelbe mit Zitronengras und Lemonblättern und unerhört atemraubende Pickles gehen dazu, und uns wird wärmstens empfohlen ja von allem zu versuchen. Auch wenn es die Neugier fordert, das wohlgemeinte Angebot schaffen wir nicht, die Gastgeber mit ehrlichem Beifall zu erfreuen, allerdings schon. Die bengalische Küche sorgt mit einem eigroßen Klößchen, nicht unähnlich einer weißen Made, die rücklings eine rotgelbe Zuckerblume schmückt und von Zuckersirup betropft ist, für den süßen Abschluß. Aber was wie lauwarmer Grießpudding schmeckt, ist ohne weitere Zutaten zu Brei eingekochte Milch. Einen Schluck Wasser nimmt jeder noch zu sich, bevor mit einem walnußgroßen grünen Blattpäckchen der Verdauung auf die Sprünge geholfen werden soll: Entschnürt von den übers Kreuz gelegten Bindfäden wird der Betelblattwürfel in den Mund gesteckt und tüchtig gekaut. Auf zerriebener Betelnuß und Fenchelkörnern, mit scharfen Samen vermengt, mahlt das Gebiß, und die süßsäuerliche Masse quillt zunehmend auf und wässert den Gaumen und füllt die Backen. Das ausgelaugte Gemenge wird gemeinhin geschluckt, ist zu erfahren, uns damit nicht Vertrauten aber ist es erlaubt, den aufgeweichten Brocken zu entsorgen, es darf auf den Teller gespuckt werden. Sanft rötlich gebräuntes Zahnfleisch macht das Lächeln in der Runde beim Abschied malerisch vortrefflich. Und nicht nur Frau Gomkale trägt auf ihrem märchenhaften blauseidenem Sari die Speisekarte nach Haus.

Wir sind eingeladen bei Trivedi. Zur Begrüßung wird dünner Mangosaft getrunken im bescheiden möblierten Wohnzimmer, in dem die indische Gottheitengesellschaft in Billigdrucken an der Wand hängt. Da reitet der Teufelsbraten der Hinduwelt, die alles verschlingende Durga grellfarbig auf dem Tiger, Nandi, das göttliche Reittier, fehlt nicht, der gefroren grinsende fette kindliche Shiva, Ganesha mit freundlich gedrehtem Rüssel, mit Papierblumen besteckt, begleiten beschützend die Häuslichkeit. In der winzigen Küchenecke begrüßen wir die Teig knetende Schwiegermutter des Hauses, bewundern die reichliche Ausstattung mit silberglänzenden Thalis, dem typischen indischen Eßgeschirr, das unter der Fensterluke auf einem Bord bereitliegt, und dann die gekonnte Vorführung eines hier alltäglichen Kunststücks: wie der Teig für die Roti zu Fladen gedreht auf die offene Gasflamme geworfen, tanzend auf und ab hüpft ohne zu verbrennen. Nachdem sich Blasen gebildet haben, schickt Frau Trivedi mit leichtem Fingerschubs das Brotstück auf die andere Seite für einen nochmaligen Flammentanz, um nach ein paar Minuten das aufgeblähte knusprige Puri oder Roti oder Chapati abzufischen. Daß sie mehr nach Pfannkuchen aus Blätterteig als nach schlichtem Brot schmecken findet zusammen mit der Bewunderung für ihre außergewöhnliche Herstellung unseren großen Beifall. Aufgetischt wird dann echte Gujaratküche, aus den Metallschüsselchen werden die Curries auf das blecherne Tablett geschöpft, mitten hinein auf den Reis oder nebendran. Idli benannte löffelgroße Reisnocken ohne jeglichen Geschmack sollen die feurigen Gerichte ausgleichend besänftigen, was unser an die Schärfen der Gewürzküche nicht gewöhnter Gaumen dankbar hinnimmt. Den Löffel benutzen zu dürfen anstelle der Finger verbuchen wir ebenfalls als vorzügliches Angebot. Bei uns wird nichts in den Kühlschrank gebracht, sagt der Hausherr, alles, was wir essen, wird jeden Tag frisch bereitet.

In Madras (Chennai) werden wir zwar nicht mit persönlicher Fürsorge, aber vornehm bewirtet: Frau Ganga lädt ins Sheraton. Draußen immer noch der gewaltige Tropenregen, drinnen eine gewaltige Kälte. Ohne Rücksicht auf menschenfreundliche Zimmerwärme wird die neu erworbene Temperaturbeherrschung im glanzvollen Salon des Hotels auf unangenehme Kälte gesetzt. Wie läßt sich da genußvoll speisen? Die allerfeinste Küche lockt von tausend Schüsseln, unzählbare Zubereitungen von Reis verwirren den erstaunenden Überblick, tausendundeine Abwandlung an Curries, Soßen, Fleisch, Fisch, Gemüsen, Salaten, gebraten, gekocht, gewürzt nach allen Weisen der verschiedenen Landstriche Indiens sind kunstvoll aufgebaut zur gefälligen Bedienung. Allein die Süßigkeiten, himmlische Desserts, Törtchen, Früchtchen, Cremes, Flambiertes, Gebackenes, Karamell und Honiggetauchtes, Obstgetürmtes reizen zum sofortigen Zugriff. Mit der Pfauenfeder magenmäßig Platz zu schaffen, ist nicht mehr der letzte Stand der Eßkultur. Im Vorfeld also gestehen wir uns ein, das meiste wohl unversucht nur mit den Augen verschlingen zu können. Und zu diesem Jammer kommt ein zweiter: zu all den wohlgeratenen Speisen wird hier als einziges Getränk nur kaltes Wasser gereicht, was die am Wein geschulte Zunge die verbindliche Erhöhung mancher Speise vermissen läßt. Noch ein Wermutstropfen fällt uns in die köstlichen Gerichte: In diesem gut besuchten Speisesaal, dessen Gäste mit Messer und Gabel zu hantieren wissen, fällt am Nebentisch ein in feinen Faden gehüllter, feister Rotzlöffel von vielleicht zehn Jahren auf, der auf indische Art ohne Besteck seinen Teller räumt. Mit beiden Händen knetet er die Tomatensoße unter die Nudeln, holt mit den Fingern Creme aus dem Becherglas und schmiert die beige gemusterte Polsterbank, auf der er sitzt, zum farbenfrohen Unikat. Mama neben ihm blicket stumm. Mama steckt in einem golddurchwirkten Prachtkaftan, der die prallen Rundungen nicht ganz verdeckt. Mama zeigt gelangweilte gepflegte Weggetretenheit, die rot lackierten Fingernägel mischen den Reis auf dem Teller mit dem Curry durch, schwere Goldbänder um das Gelenk ziehen die Hand herunter. Sie winkt, der Kellner kommt, er neigt sich tief, er geht und kommt zurück und bringt dem hoffnungsvollen Knaben hochgetürmte und mit Früchten abgesegnete Eiscreme auf einem ordentlich großen Schüsselchen. Auch jetzt sieht der vom Benehmen unbeleckte Sprößling von jeglichem Benimm entschieden ab und kühlt die Händchen am Nachtischangebot.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Johannes Rhomberg
Pilár, Paranoia, Peinlichkeiten

Im November 2006 begab ich mich im Rahmen meiner Diplomarbeit in Politikwissenschaften auf eine Forschungsreise nach Bolivien. Der Titel der Arbeit lautete „Zur Instrumentalisierung der Ethnie am Beispiel Boliviens”. Erregt von der internationalen Berichterstattung war ich von der These ausgegangen, dass im Tiefland Boliviens eine Landbesitzeroligarchie spanischer Abstammung sich gegen den demokratischen Wandel stemmte, den der unlängst gewählte erste indigene Präsident des Landes durchsetzen wollte und gedachte nun (bei aller wissenschaftlichen Unvoreingenommenheit) meinen bescheidenen Teil zur Erhellung der Verhältnisse beizutragen. Trotz durch die Medien gut genährter Sicherheitsbedenken wegen des tragischen Schicksals zweier Rucksacktouristen, welche im selben Jahr entführt und ermordet worden waren, führte mich also meine erste Station nach La Paz. Wie ein Schlag ins Gesicht (im literarischen Sinne) wirkte hier die Betrachtung eines Universitätsprofessors, der Mitglied am Wahlgerichtshof war, welcher meine Begeisterung an den Veränderungsprozessen, die in seinem Land stattfanden, keineswegs teilte. Mit nachsichtigem Lächeln, welches wohl die Resignation vermitteln sollte, die seiner Ansicht nach offenbar jedem politischen Schwärmer bevorstand, meldete er vielmehr Zweifel an der „romantischen” Weltsicht junger, europäischer Studenten linker Provenienz an.

Ein Schlag in meinem Gesicht (im wörtlichen Sinne) landete schließlich auch eines Abends in einer der vielen Karaokebars in La Paz, was dazu führte, dass ein beträchtlicher Teil meines Reisebudget zur Wiederherstellung meiner Schönheit (im literarischen Sinne) verwendet werden musste. Der behandelnde Arzt verteidigte den hohen Preis für die zugegebenermaßen beträchtliche Anzahl an Stichen mit der Behauptung, dass er eigentlich plastische Chirurgie angewendet habe. Obwohl mir dies stark übertrieben erschien, zahlte ich geschwächt wie ich war den verlangten Preis und machte mich so bald als möglich aus La Paz davon. Wenn ich später von diesem Tiefpunkt meiner Reise erzählte, hieß es oft: „Ja, ja, da herrschen eben noch andere Sitten. Bei den Indianern gibt es noch die Lynchjustiz, habe ich mal gelesen.” Die Entgegnung dass es sich bei dem „Attentäter” um einen kleinen, betrunkenen, pubertierenden Weißen handelte, wurde daraufhin mit einem enttäuschten „Achso.” quittiert. Die nächste Station meiner Reise führte mich nach Cochabamba, wo ich den dort stattfindenden Südamerikagipfel besuchen wollte, von dem man erwartete, dass er der „linken Wende” in Lateinamerika einen förmlichen Ausdruck verleihen würde. Am ersten Abend saß ich in einem Lokal an einer belebten Straße im Zentrum der Stadt, und nippte fassungslos an meinem Bier, nachdem mir einer von den Jungen, die für ein paar Bolivianos Schuhe putzen, erzählt hatte, wie einige ältere Kollegen ihn gerade mit einem Messer bedroht und ihn um den ganzen Tageslohn erleichtert hätten. Da fiel mein Blick auf eine junge Frau, die nicht weit von meinem Tisch entfernt an der Straße stand, und Flugzettel verteilte. Sie war offenkundig Mestizin, was man an der Hautfarbe, die weder sehr dunkel noch hell war, erkennen konnte. Jedoch konnte ich nicht einschätzen, was für eine „Mischung” sie war. Die Mestizen im Hochland besitzen meist noch die charakteristischen Gesichtszüge der indigenen Völker der Aymara oder Quechua, jene im Tiefland hingegen sind etwas heller und lassen die Züge der Chiriguanos und Guaraní meist nur noch erahnen. Sie passte in keines der Schemata meiner bisherigen Beobachtungen. Als unsere Blicke sich zum wiederholten Male trafen, lud ich sie auf ein Glas Bier ein. Sie hieß Pilár und verteilte Flugzettel für „el evento”, auf dem sie ihre Künste als Paragleiterin präsentieren würde. Nach und nach kamen Freunde von ihr vorbei, und mit der Zeit war der Tisch vollbesetzt. Die für einen Europäer gewöhnungsbedürftige Sitte, dass ein Glas Bier mit dem Trinkspruch „Salud!” weitergegeben wird, befremdete mich zunächst beträchtlich, da die Rechnung zudem an mir hängen blieb.

Bald darauf brach die Gesellschaft auf, da man in irgendeine Disco tanzen gehen wollte, und als Pilár fragte, ob ich mitkommen wollte, zögerte ich zunächst, da ich fürchtete, weitere Auslagen tätigen zu müssen, und ich darüberhinaus noch keineswegs Vertrauen zu allen in der Runde gefasst hatte. Trotzdem stieg ich in das Auto eines der Begleiter ein, nicht ohne kurz an die perfide Methode jener Touristenmörder zu denken. Die beiden Touristen wurden in ein falsches Taxi gelockt und von einer falschen Polizeikontrolle aufgehalten. Ein falscher Fahrgast (in Bolivien ist es durchaus üblich, dass man Taxis teilt) hatte dann vorgeblich Drogen bei sich, weshalb alle auf ein falsches Polizeirevier gebracht wurden, wo sich die Entführer als solche zu erkennen gaben, und die Bankomatcodes ihrer Opfer herauspressten. Jeden Tag behoben sie den Höchstbetrag, und je größer die Summe wurde, desto schwieriger wurde die Lage für die Entführten. Als ein weiteres Opfer die Anspannung nicht mehr ertrug und sich laut bei den Entführern beschwerte, wurde er erschossen. Das war auch das Todesurteil für die beiden Anderen, da sie Zeugen der Tat waren. Daraufhin wurden sie mit Klebebändern erstickt, und auf einem Armenfriedhof in der Nähe von La Paz verscharrt. Die Fahrt dauerte ziemlich lange, und ich hatte keine Ahnung mehr wo ich war, außer, dass wir uns offenbar in einem Vorort von Cochabamba befanden. Einer Freundin von Pilár war meine Unruhe offenbar aufgefallen, und machte bereits darüber Witze. „Mira, el gringo tiene miedo!”. Ich lächelte gequält. Als wir schließlich anhielten, staunte ich nicht schlecht, dass die Disco, bevor sie als solche fungierte, wohl eine Markthalle gewesen war. Die Tanzfläche befand sich komplett im Dunkeln, bis auf das grelle Neonlicht, das aus den Sitzbereichen eindrang. Dort ließen wir uns zunächst auch nieder, und als der Letzte Platz genommen hatte, standen auch schon einige Flaschen Rum und Cola auf dem Tisch. Daraufhin wurde ich mit der nächsten seltsamen Trinkgewohnheit konfrontiert: Rum-Cola auf das Kommando „Seco!” in einem Zug zu leeren. Einige Runden später forderte mich Pilár zum Tanzen auf. Die Cumbia mit ihrem verschleppten Rhythmus ist eine der charakteristischen Musikarten Boliviens. Die Jungen tanzen dabei in einer strikten Reihe und die Mädchen ihnen gegenüber. Da auch für Bolivien der „Machismo” typisch ist, bewegen sich die Jungen dabei sehr wenig und möglichst kühl. Die Mädchen hingegen packen ein ganzes Repertoire an Formen und Bewegungen aus, welche möglichst erotisch sein sollen, um dem Blick ihres Partners zu gefallen, der zum Betrachten alle Zeit hat, da er sich ja kaum bewegt. Zugebenermaßen fügte ich mich recht bald in diese Rollenbilder, wenngleich ich doch behaupten will, dass mein Blick nicht primär von Besitzanspruch geführt wurde, sondern von ehrlicher Faszination für den wirklich leidenschaftlichen Tanzstil meiner Partnerin, welche höchstens abgelöst wurde von meiner Verlegenheit darüber, mit ihr in keiner Weise Schritt halten zu können. Wie dem auch sei, nachdem wir uns wieder gesetzt hatten unterhielten Pilár und ich uns sehr angeregt, was im Geständnis unserer gegenseitigen Zuneigung und dem Austausch dezenter Zärtlichkeiten gipfelte. Trotz dem äußerst angenehmen Verlauf des bisherigen Abends machte sich bei mir jedoch plötzlich eine Unruhe breit, von der ich bis heute nicht weiss woher sie kam und ihre Heftigkeit nahm. Die Reisestrapazen (Busse in Bolivien sind nicht für ihren Komfort bekannt), die nach wie vor nicht gerade Vertrauen erweckenden männlichen Freunde Pilárs oder (was wohl am wahrscheinlichsten klingt) das Schicksal der beiden Backpacker werden wohl alle ihren Teil dazu beigetragen haben. Jedenfalls war ich plötzlich der fixen Überzeugung Pilár und ihre Freunde wollten mich ausrauben und ermorden.

Im Nachhinein klingt es für mich unbegreiflich, wie ein solch paranoides Gefühl sich eines ansonsten relativ vernunftbegabten Menschen bemächtigen kann und es darüberhinaus auch noch Anspruch auf interpretative Hegemonie erhebt. Als eine Freundin von Pilár beispielsweise gegen Ende des Abends plötzlich weinte, glaubte ich ihre Erklärung, sie habe Probleme mit ihrem Freund, natürlich keineswegs, sondern war der fixen Auffassung, sie weine deswegen, weil sie mich ja eigentlich für einen netten Kerl hielte, aber es nun mal abgemacht war, dass ich sterben müsse. Auch Pilár selbst fragte natürlich nicht deswegen nach meinem Befinden, weil ich wohl inzwischen einen etwas merkwürdigen Gesichtsausdruck hatte, sondern deswegen, weil auch sie mich eigentlich mochte, und ich zumindest einen schönen letzten Abend haben sollte. Um der bitteren Gewissheit schneller ins Auge blicken zu können, drängte ich dann immer vehementer zum Aufbruch, worüber sich Pilár empfindlich verwundert zeigte. Dass sie darauf beharrte, auf ihre Freunde zu warten, war klar, konnte sie mich ja schwerlich ohne deren Hilfe um die Ecke bringen. Als wir uns schließlich vor der Disco befanden, ergab sich doch noch die rettende Idee: der Fahrer fehlte noch, weshalb ich mich mit dem Vorschlag beeilte, ein Taxi zu nehmen. Aber da war es schon zu spät. Lachend (natürlich hämisch) fuhr der Fehlende vor, worauf ich resignierte und begann, den obligatorischen Film des Lebens an meinem Auge vorbeiziehen zu lassen. Solange bis wir schließlich in die Stadt einfuhren und vor meinem Hotel hielten, wo sich Pilár von mir verabschiedete. Dabei fragte sie mich, ob ich ihr 100 Bolivianos leihen könnte. Klar, dachte ich bei mir, immerhin habe ich ja überlebt, was zählt da schon ein wenig Geld. Gleichzeitig wurde mir aber bewusst, dass sie mich zwar nicht umbringen aber dafür ausnutzen wollte, denn wozu benötigte sie wohl am Ende des Abends noch diese für bolivianische Verhältnisse enorme Summe? Enttäuscht wurde mir klar, dass sie die Verabredung für morgen also auch nicht einhalten würde, und legte mich erschöpft schlafen. Die Verabredung am folgenden Tag hat sie eingehalten, und mir das Geld unaufgefordert zurückgegeben. Ich schämte mich beträchtlich, und genoss ansonsten beschwerdefrei die Woche, die ich noch in Cochabamba mit Pilár verbrachte.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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Ellen E.M. Richter
Der Schatten

Ein Sommer ohne Meer ist für mich kein Sommer. 14 Tage Strandurlaub müssen drin sein. Dieses Jahr heisst mein Sommer Kreta, Süd-Ost-Küste. Die Tage kriechen dahin im Wanderschatten eines zierlichen Metallschirmchens – pastellig wie hingetupfert trotzt es mit seinem aus dünnen Eisenstangen gewundenen Pilzdächlein Wind und Wetter –
Obwohl jeweils 2 Liegen darunter platziert sind, bietet es gerade mal hinreichend Schutz für eine Person mittlerer Größe.
Es ist 10.00h – viele Schirmplätze sind noch frei, als ein junges Paar auf mich zusteuert.
Wortlos sehe ich zu, wie Liegen herbeigezerrt werden und sie sich neben mir, auf der Sonnenhälfte meines Schirmes breitmachen.
Italiener – er, dunkler Typ, tiefbraun, schwarze Locken, kein Gramm Fett, breite Schultern, etwas Florales um die schmalen Hüften, Modeltyp, trainiert vermutlich ganzwöchig im Fitnesstudio.
Sie – genau das Gegenteil: hellblond, blasse Haut, die höchstens 20 Min. direkte Sonneneinstrahlung verträgt.
Ich vermute, es handelt sich um eine noch junge Verbindung – in diesem Stadium scheint, nein, ist alles möglich.
So braten sie relativ regungslos vor sich hin – mein Schatten wandert, langsam, aber stetig – notgedrungen nähere ich mich den beiden, der ohnehin schon geringe Abstand tendiert allmählich gegen Null –
Ein frisch verliebtes Paar – warum wählten sie nicht einen der freien Plätze? Merkwürdig!
Sie tun so, als gäbe es mich nicht, haben mich weder angesehen, geschweige denn, ein schnelles „Ciao” in meine Richtung geworfen.
Ich mag es nicht, wenn fremde Leute sich in meinem Raum niederlassen, was heisst hier nicht mögen, ich hasse es geradezu, empfinde es als einen fast körperlichen Schmerz und ich bereue, an diesem Morgen auf meine Aura-Übung verzichtet zu haben, weil ich keine Lust dazu hatte. Das hatte ich jetzt von meiner Disziplinlosigkeit.Völlig daneben eine so wichtige Schutzübung vom Lustprinzip abhängig zu machen.
Ich brauche einfach mehr Platz um mich herum als andere, das ist bei mir biografisch, väterlicherseits biografisch und jetzt kommen diese Italiener daher und reaktivieren ein Trauma meiner Kindheit.
Wieso bleiben die nicht in Italien?
Italiener haben doch selbst genug Meer um sich herum,um von fast jedem Punkt im Landesinnern in den 2 Stunden, in denen sie jetzt hier schon schwitzen, an selbiges zu gelangen. Im August ist es an der ganzen italienischen Mittelmeerküste unmöglich, ein freies Hotelzimmer zu finden. Tutti al mare – jetzt besetzen sie auch schon Kreta.
Vielleicht sehe ich seiner Mutter ähnlich und sie brauchen ein wenig Familienanschluss, ein bißchen das Gefühl, zu Hause zu sein, bei La Mamma, die immer die obligatorische Schüssel Spaghetti mit Tomatensugo auf dem Herd stehen hat.
Ich betrachte die beiden, wie man ein Naturereignis betrachtet, an dem sich nichts ändern läßt; was uns verbindet ist der gemeinsame Schirm; sie in der Sonne, ich im Schatten.
Warum habe ich nicht gleich protestiert, als sie sich neben mir eingerichtet haben? Irgendetwas hatte mich zurückgehalten – vielleicht diese Selbstverständlichkeit für das An-und-für-sich-nicht SELBSTVERSTÄNDLICHE?
Diese ignorante Art, eine unausgesprochene Grenze zu überschreiten, ohne ein Bewußtsein für diese Übergriffigkeit, ja, noch viel schlimmer, ohne diese Grenze überhaupt wahrzunehmen?
Hatte ich hier 2 Menschenkinder vor mir, die völlig arglos und unbelastet von jeglichen psychologischen Deutungsmustern sich niedergelassen hatten,um einfach nur zu sein?
Vielleicht hatten sie äußerst empfindsame Sensoren, ohne sich ihrer bewußt zu sein, mit denen sie mein Grundgefühl des existentiellen Alleinseins wahrnahmen.
Mit dieser Aktion teilten sie mir auf einer nonverbalen Ebene mit: du bist nicht allein. Schau, wir sind auch noch da – wir liegen unter einem Schirm,atmen dieselbe Luft.
Diese Leute liegen in meiner Sonne, in meinem Licht – ich habe zwar nicht vor,jedenfalls bislang nicht, meinen Schattenkreis zu verlassen, aber ich hätte doch ganz gerne die Möglichkeit dazu und genau die wird mir genommen durch diese italienischen Ignoranten.
Ich schmolle also weiter in meinem Schatten – möglicherweise liegen die beiden nicht zufällig hier, möglicherweise sind sie Erfüllungsgehilfen eines kosmischen Plans, der vorsieht, dass ich nun bereit bin für Lektion I des Fortgeschrittenenkurses.
Es geht hier nicht mehr um „Wie nehme ich mir den Raum, den ich brauche” sondern es geht vielmehr um die Frage: Wie behaupte ich den Raum, den ich bereits angenommen habe?
Ich kenne Leute, die zahlen viel Geld für Wochenendkurse an der Nordsee wahlweise im Allgäu und ich habe nun hier die Chance, dies nebenbei zu lernen, spielerisch und was am wichtigsten ist nicht in einem geschützten Raum, mehr oder weniger theoretisch, sondern gleich ganz praktisch am Strand des Lebens.
Meine Aufgabe hier und jetzt ist, dies zu erkennen und dazu bin ich gerade im Begriff.
Und ich soll lernen, mich nicht mehr von meinem Platz vertreiben zu lassen, ständig auf der Flucht vor mir selbst, nein, hier geht es nun darum standzuhalten und genau das tue ich seit nunmehr 3 Stunden –
Ich hatte mich nicht vertreiben lassen, auch dann nicht, als sie ihr Gepäck im Schatten neben meiner Liege deponierten und mittlerweile so dicht neben mir lagen, dass ich mühelos das Großgedruckte des „Oggi” lesen konnte.
Es durchflutet mich ein zärtliches Gefühl der Dankbarkeit für diese beiden jungen Menschen – ich kann endlich loslassen, bin versöhnt und gleite in die klaren, weichen kretischen Mittelmeerwellen – meine Habseligkeiten einschließlich Kreditkarten gut versorgt wissend im Schutz meiner neuen Familienmitglieder.
Eine halbe Stunde später bietet sich mir eine völlig neue Szenerie: meine Liege ist achtlos weggeschubst, Tasche, Schuhe und Wasserflaschen scheinen irgendwie hinterhergeworfen und die beiden thronen nun triumphierend in meinem Schattenplatz.
Ungläubig stehe ich da, fühle mich wie ein Vogeljunges,das nach dem ersten eigenständigen Flügelschlagen das Nest besetzt findet.
Der Italiener gräbt rudimentäre Reste eines Schulenglisch aus: Dis is our place. We here first. Have you see de white t-shirt?
Weisses t-shirt? Nein, habe ich nicht, da war kein weisses t-shirt und selbst wenn ich ein solches gesichtet hätte, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dies als „Besetztzeichen” zu interpretieren; passiert es doch immer wieder einmal, dass jemand etwas von den unter dem Schirm festgeknoteten Teilen vergisst.
Unverschämtheit! Da sitzen diese beiden Gestalten stundenlang neben mir in dem Bewußtsein, ich besetze ihren Platz, sagen kein Wort, legen stattdessen eine Art Maulwurftechnik an den Tag, mit der sie es jetzt geschafft haben, dort anzukommen, wo sie schon vor 3 Stunden sein wollten.
Ich bekomme allmählich eine Wut, möchte ihm in einem akzentfreien Italienisch ein „Va fan culo” an den Lockenkopf werfen.
Warum haben sie ihr Anliegen nicht von Anfang an locker durchformuliert?
Jetzt sitzen sie in meinem Schatten und je länger ich nun in der Sonne leide, wird mir klar, was sie in den letzten Stunden durchlitten haben mußten –
Das Wegkicken meiner Liege war keine Lieblosigkeit, sondern der verzweifelte Ausdruck eines Befreiungsschlags, mit dem sie sich aus ihrer Lähmung in ein Handeln hineinkatapultiert hatten.
Der Schatten war ein Symbol für überwundene Sprachlosigkeit – und in dem hatte ich die ganze Zeit gesessen.

© Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2008
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